Dialektik der Persönlichkeit Eine systemische Entwicklungstheorie

defghij


Unsere Arbeit in der Psychotherapie, Familientherapie und Beratung leidet in den letzten Jahren und Jahrzehnten unter einem zunehmend größer werdenden Problem: wir verlieren die Vorstellung über den Gegenstand unserer Arbeit – den Menschen. Der Verlust einer ganzheitlichen Vorstellung vom Menschen bezieht sich sowohl auf den Menschen als Einzelwesen als auch auf den Menschen als Ganzes. Die systemische Familientherapie und die ihr zugrunde liegenden theoretischen Konstrukte konnten den Prozeß nicht nur nicht aufhalten, sondern sie sind ein Bestandteil davon. Die systemische Familientherapie basiert auf Konstrukten, die Prozesse der belebten Natur im Allgemeinen beschreiben; sie entwickelt aber keine Theorie über die Besonderheit des Menschen gegenüber der Natur. Im Grunde ist sie nicht in der Lage, den Unterschied von Mensch und Tier zu beschreiben. Für die Arbeit mit Menschen eignet sich die Familientherapie nur dann, wenn der/die Anwender/in sie in ihre schon vorhandene persönliche Sicht des Menschen einordnet; zur Entwicklung oder Ausarbeitung eines Menschenbildes hat sie nichts bzw. nur unbedeutendes beizutragen. Ich stelle die systemische Familientherapie gerade deshalb in den Mittelpunkt meiner kritischen Sicht, weil ich selbst Familientherapeut und seit fast 15 Jahren Ausbilder für Familientherapie bin. Dieselbe Kritik kann uneingeschränkt auch für die meisten anderen Therapieformen und noch mehr für die heutige wissenschaftliche Psychologie und für die Medizin angebracht werden. Beide beschäftigen sich mit immer detaillierteren Einzelfragen, sie atomisieren den Menschen (zerlegen ihn in immer dünnere Scheibchen), ohne ihn sich noch als
Ganzheit vorstellen zu können. Der Mensch ist als Erkenntnisgegenstand nicht mehr existent. Die Folge ist, daß jede im sozialen, pädagogischen oder medizinischen Bereich mit Menschen arbeitende Person mit sich allein gelassen ist, wenn es um Fragen geht wie – welchen Zweck und welches Ziel hat meine Tätigkeit, an welchen Werten kann ich mich orientieren, welchen Sinn hat meine Arbeit, wie können sich Menschen entwickeln, usw.
Wir brauchen eine wissenschaftliche Theorie, die uns die Methoden und die Sprache zur Verfügung stellt, um diese Fragen zu beantworten. Mit diesem Ziel, eine explizite Grundlage für die Arbeit mit Menschen zu schaffen, mache ich im folgenden einen ersten Versuch, meine Persönlichkeitstheorie zu formulieren. Es geht mir dabei zunächst um die Entwicklung von Grundbegriffen (Kategorien) und Erkenntnismethoden. Besonders die Entwicklung und genaue Beschreibung von Begriffen fällt mir schwer, weil ich keine künstliche Sprache
entwickeln will, die in der Praxis keinen Gebrauchswert hat. Mit einigen Begriffen bin ich noch nicht zufrieden; ich hoffe, daß eine Diskussion darüber zu besseren Ergebnissen führt. Einen weiteren Mangel stellt die noch unzureichende empirische Unterlegung der Kernaussagen meiner Theorie dar. In zukünftigen Bearbeitungen werde ich diese Lücken auffüllen. Ich habe die Absicht, allgemein einverständlich zu formulieren und zu schreiben, bitte aber jetzt schon um Nachsicht, wenn mir dies nicht immer gelingt. Ich kenne meine Neigung,
Sachverhalte zu sehr verdichtet darzustellen. Trotzdem will ich versuchen, mich dem Ziel, einer auch für Laien nachvollziehbaren Darstellung meiner Theorie anzunähern.

1. Die Ursprünglichkeit menschlichen Verhaltens

Das Verhalten des Menschen (auch das Denken und Fühlen) hat den Sinn, sein (Über-)Leben zu gewährleisten. Es gibt kein ursprünglich sinnloses Verhalten. Das gilt ebenso für die Gattung wie auch für das Individuum. Hierin unterscheidet der Mensch sich nicht von anderen Lebewesen. Durch Werkzeuge und Entwicklung der Sprache hat der Mensch aber im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen die Möglichkeit zu einer vorausschauenden Überlebensorganisation entwickelt. Er ist in der Lage, ein für das Überleben erfolgreiches Verhalten nicht nur als Erfahrung zu speichern (also zu lernen) sondern die Umwelt so zu verändern, daß er in Zukunft dieses Verhalten nicht mehr unbedingt einsetzen muß. Damit basiert jedes Verhalten des Menschen auf einer bereits veränderten Umwelt. Im neuen Verhalten ist in Form der gestalteten Umwelt das Ergebnis des alten enthalten, beim einzelnen Menschen ebenso wie bei der Gattung Mensch. Ein kurzes Beispiel: Der Mensch, der das Rad erfunden hat, vererbt an seine Kinder 1.die Fähigkeit und die Technik, ein Rad zu erfinden und zu bauen und 2. das Rad. Die Kinder beginnen in einer Umwelt zu leben und sich zu verhalten die das Rad als Überlebensmittel bereits enthält. Wenn sie jetzt ihr Verhaltens-potential umsetzen, gelingt es ihnen vielleicht, einen Wagen zu bauen, den sie dann ihrerseits an die nächste Generation weitergeben. Es könnte aber auch sein, daß sie ständig versuchen, ein Rad zu erfinden; ihren Mitmenschen käme dieses Verhalten sinnlos vor, da das
Rad ja bereits erfunden ist. Trotzdem beinhaltet dieses Verhalten, wie wir wissen, einen sinnvollen Ursprung. Die Einschätzung der Sinnlosigkeit durch die Menschen resultiert daraus, dass das Verhalten zwecklos erscheint, daß es also scheinbar keinen Beitrag zum Überleben leistet.
Wenn es ursprünglich kein sinnloses oder sogar die Existenz der Person oder der Gattung zerstörendes Verhalten gibt, andererseits aber doch ein solches Verhalten entwickelt wird, kann man daraus zwei Schlüsse zu ziehen. Erstens: Offensichtlich sinnloses zerstörendes
Verhalten muß im Ursprung sinnvoll und lebenssichernd gewesen sein. Zweitens: Es muss Bedingungen oder Mechanismen geben, die überlebensorientiertes Verhalten in lebenzerstörendes Verhalten umwandeln. Wenn wir diese Hypothesen beweisen können, können wir auf metaphysische Kategorien in der Erkenntnis der Menschen allgemein und in der Psychotherapie im besonderen verzichten.

2. Das Besondere und das Allgemeine der Person – Individualität und Gesellschaftlichkeit

Wir leben (in Deutschland bzw. in den Industrieländern) in einer Zeit zunehmender Individualisierung. Jeder soll und will frei über sich, z.B. seine Ausbildung, seinen Beruf, seinen Arbeitsplatz, seine Beziehungen zu anderen Menschen, sein Aussehen, über die Fernsehprogramme, die er anschaltet, die Kleidung, die er trägt, usw. entscheiden können. Jeder verbindet damit den Anspruch, diese Entscheidungen individuell zu treffen, d.h. nicht von anderen Personen gesteuert zu sein. Traditionelle Rollen, z.B. Mann oder Frau, Vater oder Mutter, alter oder junger Mensch, können die individuellen Entwicklungen der Person zunehmend weniger festlegen. Die Möglichkeiten für die Person, einen individuellen Weg zu gehen, werden zunehmend vielfältiger. Auch Wert- und Moralvorstellungen, die individuelle Entscheidungsfreiheiten einschränken, lösen sich zunehmend auf. Das gilt ebenso für die Lebensorganisation im privaten Bereich wie im Berufsleben oder öffentlichen Leben. Neue Wertmaßstäbe entwickeln sich, die die uneingeschränkte individuelle Entfaltung über in der Vergangenheit nicht hinterfragte Kategorien wie ”Pflicht” oder ”Treue” stellen. Diese Tendenzen spiegeln sich auch in den Bedürfnissen der Menschen wider. Das ”Anders-als-andere-leben” wird zum Grundbedürfnis des Menschen, das sich weder durch Moral noch durch ein politisches System zurückhalten lässt. Mit diesen Veränderungen geht ein grundlegender Wandel der Arbeitswelt einher. Die Organisation der Arbeit beruhte bisher weitgehend auf der Nutzung der Arbeitskraft des Menschen im Sinne einer festliegenden Funktion. Diese Funktion ist unabhängig vom Individuum, das sie ausfüllt, der Mensch ist über den Arbeitsplatz identifiziert und damit entindividualisiert. Eine individuelle Bewertung findet, wenn überhaupt, in der Quantität des Arbeitsergebnisses statt. Der Wandel dieser Form der Arbeitsorganisation hat neue Begriffe geschaffen wie ”Lean Production”, ”Null-Fehler-Qualität”, ”dezentrale Ressourcenverantwortung”, u.a.. Man stellt fest, daß die Ideen der einzelnen Mitarbeiter die wichtigste Produktivitäts – und Innovationsreserve eines Betriebes darstellen und daß es deshalb heute für den Betrieb überlebensnotwendig ist, diese in den Individuen liegenden Reserven zu nutzen. Organisationen, z.B. öffentliche Verwaltungen, die nach wie vor an dem Prinzip der Aus-tauschbarkeit des einzelnen Mitarbeiters festhalten, klagen über schwindendes Verantwortungsbewußtsein, niedrige Produktivität, hohen Krankenstand und vor allem über eine nicht mehr kontrollierbare Kostenentwicklung. Die fortschreitende Individualisierung in allen Lebensbereichen ist nicht, wie es vielfach den Anschein hat, gleichbedeutend einer Vereinzelung im Sinne der Distanzierung der einzelnen Person von der Gesellschaft. Der einzelne Mensch ist nicht etwa besser in der Lage, auf sich allein gestellt zu leben, er steht in der Arbeitswelt wie in seinem Privatleben mit mehr Menschen in einem Bezug als zuvor, er ist damit zum Überleben von einer größeren Gemeinschaft abhängig. Die Individualität als Besonderheit des einzelnen Menschen beruht gerade auf dem Bezug dieses Einzelnen zur Allgemeinheit, d.h. zur Gemeinschaft der anderen Menschen. Es könnte keine Individualität, keine Besonderheit der einzelnen Person geben, wenn es nicht eine Gesellschaft von Menschen als Bezugsmaßstab gäbe. Je größer die Allgemeinheit ist, umso spezifischer kann die Besonderheit sein, d.h. je größer der gesellschaftliche Bezugsrahmen der einzelnen Person ist, von um so mehr anderen Personen kann und muß sich die Person unterscheiden. Wenn wir von einer progressiven Individualisierung sprechen, steht dem eine progressive Erweiterung des Bezugsrahmens gleichbedeutend mit einer zunehmenden Verbundenheit mit anderen Menschen gegenüber. In den letzten Jahren hat eine extreme Vergrößerung des Bezugsrahmens der gesellschaftlichen Allgemeinheit für die meisten Menschen stattgefunden. Ursache hierfür sind die neuen Technologien und ihre Anwendung im Bereich der Kommunikation und des Verkehrs. So kann ich heute mittels des Telefons innerhalb weniger Sekunden einen beliebigen Menschen aus einer Anzahl von mehreren hundert Millionen erreichen oder aber von einem erreicht werden. Es ist keine technische Utopie daran zu denken, daß jeder Mensch mit jedem zu jeder Zeit telefonisch in Kontakt treten könnte. Über Satellitenfernsehen kann die Äußerung einer Person zeitlich an jedem Punkt der Erde von jedem empfangen werden, der mit der entsprechenden Technik ausgerüstet ist. Die gleiche Technik ermöglicht es der einzelnen Person, sich für den Empfang einer Botschaft aus einer nahezu beliebigen Auswahl zu entscheiden. Die Möglichkeit des Transports von Personen und Waren haben sich analog entwickelt, sodaß eine Person oder Ware innerhalb weniger Tage an jeden Ort der Erde und wieder zurück transportiert werden kann. Die Folgen dieser neuen Technologien sind einerseits eine Angleichung in der Lebensführung der Menschen und andererseits die beschriebene Individualisierung. Für die einzelne Person kann dieser innere Widerspruch durchaus zu einem Verhaltenskonflikt führen. Individualität und Gesellschaftlichkeit als das Besondere und das Allgemeine bilden in der Person eine unauflösliche Einheit. Eine Entwicklung des Besonderen, der Individualität ohne Bezug zur Allgemeinheit ist undenkbar; notwendige Voraussetzung und Bedingung für die Entwicklung der Persönlichkeit damit die Auseinandersetzung mit den anderen Menschen. Wenn wir die Person beschreiben wollen, müssen wir das Allgemeine in ihr und sie im Allgemeinen beschreiben.

3. Das Programm

a) historische Erfahrung und aktuelle Erfahrung

Das neugeborene Kind ist der (vorläufige) Endpunkt einer Entwicklung seiner sämtlichen Vorgenerationen. Es fängt in der Entwicklung seiner Persönlichkeit nicht etwa ”bei null” an, sondern setzt das Gewesene fort, baut auf es auf. Es wird über Vater und Mutter (zumindest in der europäischen Kultur) an die Vorgenerationen angebunden, mit ihnen und über sie identifiziert. In diesem Identifikationsprozeß erhält die Person das, was wir Programm nennen. Programm ist die Gesamtheit der (Über-) Lebenserfahrungen der Vorgenerationen, die über die Familie (besser: Vater und Mutter) an das Kind weitergegeben werden und mit denen das Kind identifiziert wird. Dieses Programm ist eine notwendige Bedingung für die Entwicklung der Persönlichkeit. Ohne das Programm fehlt der Person die Grundlage (in der Computersprache: das Betriebssystem) zur Orientierung in der Umwelt und damit zur Individualisierung. Das Programm ist Geschichte (zunächst im Sinne von Vorgeschichte) der Person. Demnach kann man ebensogut sagen: Ein Mensch ohne Geschichte kann keine Individualität entwickeln, keine Persönlichkeit werden.

b) Identifikation – subjektive und objektive Zuordnung des Programms

Das Programm ist gleichzeitig der Extrakt aus der eigenen persönlichen Erfahrung. Die Geschichte und damit das Programm wird im Handeln der Person fortgeschrieben. Der Extrakt des Handelns der Vorgeneration ist im Handeln der Person enthalten. Er wird im Han-deln neu bewertet und erhält damit eine neue Qualität. Das Programm ist gleichzeitig statisch (als Handlungsextrakt der Vorgeneration) und dynamisch (als Extrakt des aktuellen Handelns der Person). Die Person ist Subjekt und Objekt ihres Programms: Sie eignet sich das Programm an und wird gleichzeitig von der Umwelt darauf festgelegt, mit dem Programm identifiziert. Die
Aneignung bzw. die Zuordnung des Programms ist ein lebenslanger Prozeß.
Das Programm selbst hat gleichzeitig einen subjektiven und einen objektiven Charakter. Es enthält einerseits die Besonderheit der Lebensweise der Ursprungsfamilie und deren Vorfahren , andererseits auch die in dieser Lebensweise enthaltene gesellschaftliche und natürliche Umwelt. Ist z.B. der Vater des Kindes Handwerker, dann sind im Programm nicht nur handwerkliches Geschick, die Sitten und Gebräuche des Handwerkers, die Art zu wohnen, die spezielle Art Mann und Vater und Ehemann zu sein und nicht nur die Mutter mit ihrer Art, den Handwerkerhaushalt, Mann und Kinder zu organisieren, sich zu kleiden usw., enthalten, sondern auch die Rolle dieser Familie in der Gesellschaft und Zeit in der sie lebt, aus der sie ihren Status, ihre Lebensmittel, ihre Moral- und Normvorstellungen bezieht, an deren Konjunkturen, Krisen und Kriegen sie teilnimmt. Das Programm spiegelt damit ebenso den individuellen Stand der Entwicklung der Familie wie auch den allgemeinen Stand der Entwicklung der (gesellschaftlichen) Umwelt wider. Programm ist die Einheit von Besonderem und Allgemeinem in einer geschichtlichen Dimension. Es ist die Abstraktion der Lebensrealität der Ursprungsfamilie, ein abstrahierter
Extrakt, der in Form von Symbolen und Regeln weitergegeben wird. Sowohl die Abstrahierung als auch die Vermittlung des Programms geschieht in Wechselwirkung von Ursprungsfamilie Gesellschaft und Umwelt. Das Programm wird nicht nur innerhalb der Familienbeziehungen vermittelt sondern ebenso von allen Personen und Dingen, die in irgendeiner Beziehung zur Familie stehen. Das Kind erhält auch dann das Programm von Vater und Mutter, wenn es diese möglicherweise nie gesehen hat. Auch wenn Vater und Mutter nicht als eigenständig handelnde Personen zur Vermittlung des Programms existent sind, z.B. wenn sie gestorben sind, so sind sie dennoch in unserer Kultur durch keine andere Person ersetzbar. In diesem Fall tritt nicht etwa eine Ersatzperson an die Stelle, sondern die in der physischen Umwelt oder im Gedächtnis der Gesellschaft verbleibenden Spuren werden dem Kind zur Identifikation vermittelt.

c) Potential

Das Programm enthält ein auf die Umwelt bezogenes Potential. Die aus ihm hervorgehenden Verhaltensweisen benötigen die konkrete Beziehung der Person mit ihrer sozialen Umwelt. Das Potential kann erst dann genutzt werden, wenn die Person handelnd am gesellschaftlichen Leben teilnimmt. Im praktischen Handeln wird das Programm aktiv, wird die Möglichkeit (das Potential) zur Wirklichkeit (Realität), wird das Potential verwertet. In der Verwertung des Potentials entsteht Persönlichkeit. Wenn keine Verwertung des Potentials möglich ist, z.B. indem man die Person isoliert und ihr Überleben soweit von außen organisiert, daß sie selbst keine Handlungsspielräume hat, kann sich keine Persönlichkeit entwickeln. Die Größe des Potentials steht in direkter Abhängigkeit von der Menge und Struktur der Informationen, die der Person und ihrer Umwelt aus der Ursprungsfamilie zur Verfügung stehen. Das Programm erlangt nur in der Praxis Bedeutung. So hat ein Kind die Anlage, das Potential, zu sprechen zu schreiben, zu lesen, zu denken, zu fühlen, zu arbeiten. Es erlernt alles
jedoch nur dann, wenn jemand mit ihm spricht, schreibt, liest, denkt, fühlt, arbeitet, usw. Die Differenziertheit des historischen Programms wird nur in der Differenziertheit der gesellschaftlichen Verhaltensanforderungen relevant. Im Regelfall, bei einer kontinuierlichen gesellschaftlichen und familiären Entwicklung besteht eine relativ hohe Übereinstimmung zwischen der Differenziertheit der individuellen Programme und der Differenziertheit der gesellschaftlichen Anforderungen. Die Gesellschaft entwickelt sich aus ihren Individuen, die
Individuen entwickeln sich in der Gesellschaft.
Im Einzelfall kann es allerdings zu großen Abweichungen zwischen den im historischen Programm enthaltenen Erfahrungen und der gesellschaftlichen Realität kommen. Die Mitglieder der türkischen Familie, die nach Deutschland zieht, um hier zu arbeiten, haben historisch entwickelte Programme, die aus einem vergleichsweise früheren Zeitalter gesellschaftlicher Arbeit und Organisation stammen. Es ist ein Zeitalter, in dem die ökonomische Existenzbasis einer Gesellschaft die landwirtschaftliche Produktion ist. Die Freiheit des Einzelnen ist durch persönliche Abhängigkeiten begrenzt. Individualität hat eine untergeordnete Bedeutung. Die Familie wandert nicht aus, weil sie diese soziale Ordnung in Frage stellt, sondern weil der begrenzt vorhandene Grund und Boden sie nicht ernähren kann. Viele Teile des auf diesem Ursprung gewachsenen Programms führen bei ihrer Anwendung in der neuen Umwelt zu gesellschaftlicher Ablehnung und Ausschluß. Für die Mitglieder dieser Familie führen sie zu einer Diskrepanz zwischen der als Potential zur Verfügung stehenden Familien-Geschichte und den Erwartungen und Anforderungen der aktuellen Umwelt. Diese Teile des Programms können deshalb nicht mehr in die Individualisierung der Personen, die Entwicklung der Persönlichkeiten eingehen, weil sie nicht zur Organisierung des aktuellen Lebens verwertet werden können. Die neue soziale Umwelt verhindert die Verwertung des
überlieferten Potentials. Um das Potential dennoch verwertbar zu machen, ist sowohl bei der Person selbst als auch in der sozialen Umwelt eine Neubewertung der vorhandenen Potentiale erforderlich.
Betrachten wir im Vergleich dazu einen jungen deutschen Mann, der in einem Heim aufgewachsen ist. Er kennt seinen Vater nicht, nur den Wohnort und Namen seiner Mutter. Darüber hinaus stehen ihm keine Informationen über seinen Ursprung zur Verfügung. Sein historisch überliefertes Potential, das verwertet werden kann und das die Grundlage für eine eigenständige Persönlichkeitsentwicklung bilden kann, ist nahezu gleich null. Demzufolge braucht er auch im erwachsenen Alter die Abhängigkeit und Steuerung durch andere Personen. Damit kann er den Anforderungen, die die Gesellschaft an Ihn stellt , nicht genügen. Im Gegensatz zum vorhergehenden Beispiel steht in diesem Fall der Person ein möglicherweise vorhandenes Potential nicht zur Verwertung zur Verfügung. Wir unterscheiden deshalb zwischen dem verfügbaren Potential und dem objektiven Potential. Das verfügbare
Potential kann von der Person selbst bzw. von der mit ihr in Beziehung stehenden Umwelt jederzeit genutzt werden. Das objektive Potential ist zwar irgendwo noch als Information vorhanden, steht der Person selbst jedoch nicht zur Verfügung.
Im praktischen Leben bedeutet das für die Person; Abhängigkeit in ihren Entscheidungen, Unsicherheit in der Berufswahl, Instabilität in Partnerbeziehungen und Beziehungen zur
Umwelt, Wertunsicherheit. Diese Lage ändert sich erst dann, wenn es ihr gelingt, die verschütteten objektiven Potentiale (die notwendigerweise vorhanden sind) zu erforschen und zu rekonstruieren und damit das eigene Programm zu entwickeln.

d) Zusammenfassung: Programm – Wesen und Erscheinungsform

Zusammenfassung: Persönlichkeit ist die dialektische Einheit von historischem Programm und realem Verhalten. Wenn wir die Persönlichkeit und damit das ”Wesen” der Person beschreiben wollen, genügt es nicht, ihre ”Erscheinungsform” d.h. ihr Verhalten, Fühlen, Denken zu beschreiben, sondern ebenso die in allem enthaltene über die Familie identifizierte Geschichte. Persönlichkeit entwickelt sich auf der Basis und unter der Veränderung des historischen Programms durch die Abstraktion und damit programmatische Einbeziehung des Erlebten. Der Satz ”von Nichts kommt Nichts” gilt auch für die Persönlichkeit. Neues kann nur aus dem Vorhandensein von Altem entstehen.

4. Die Einheit von Struktur und Inhalt im System der Persönlichkeit

a) Struktur und Kultur

Die Struktur, in der sich eine einzelne Persönlichkeit entwickelt, ist das Ergebnis einer kulturellen und gesellschaftlichen Festlegung. In unserer Kultur ist die Person über einen Vater und eine Mutter, aber auch nur einen Vater und eine Mutter identifiziert. Die anthropologische und ethnologische Forschung weist aus, daß dies weder in unserer Kultur immer so war, noch in allen heute existierenden Kulturen so ist. Es gab und gibt Kulturen, in denen zur Identifikation der einzelnen Person nur Mutter oder nur Vater, eine andere Person oder
auch ein Ort oder Gegenstand dient.
Die Vorgabe unserer Gesellschaft sieht vor, daß Mutter und Vater das Kind gleichberechtigt identifizieren, d.h. daß die Programme von Vater und Mutter gleichberechtigt und ohne
Diskriminierung im Kind existieren. Die jeweiligen Programme sollen im Kind weiterhin komplett, ohne Einschränkungen z.B. auf Rollenverhalten, vorkommen. So wird etwa spezifisch männliches Verhalten ebensowenig nur vom Vater als Programm weitergegeben wie spezifisch weibliches nur von der Mutter. Beide, Mutter und Vater, geben jeweils ihr persönliches Mann- und Frauprogramm an das Kind weiter.

b) Widerspruch und neue Qualität als Folge der Strukturvorgabe

Die strukturelle Vorgabe unserer Kultur führt im Programm des Kindes zu einem permanenten inneren Widerspruch. Es lebt in einem ständigen Entscheidungskonflikt zwischen zwei gleichwertigen Programmvorgaben für das Verhalten in einer bestimmten Situation. Eine mechanische Umsetzung elterlicher Vorgaben ist unmöglich, da die Vorgabe des einen Elternteils grundsätzlich durch die Vorgabe des anderen relativiert wird. Eine einfache Verbindung beider Vorgaben ist ebenso unmöglich, weil jede für sich bereits eine umfassende Verhaltens-organisation darstellt. Eine im Kind entstehende Synthese beider Programme
beinhaltet demzufolge nicht eine Addition der elterlichen Programme, sondern erfordert eine neue Qualität, die bisher nicht Verbindbares miteinander in Beziehung setzt und verbindet. Diese neue Qualität ist nicht mechanisch ableitbar und damit nicht vorhersagbar. Das Kind ist ein neuer Mensch, eine Persönlichkeit von neuer, höherer Komplexität, die ihre Form und Inhalte in einer gänzlich neuen Herangehensweise an die praktischen Anforderungen des Lebens entwickelt.
Gerade in der strukturellen Vorgabe unserer Kultur, die zwei gleichwertige, in ihrem Wesen und ihrer Persönlichkeit voneinander unabhängige Personen zur Identifikation des Kindes heranzieht, liegt also die Ursache dafür, daß jeder Mensch einen eigenen Weg finden muss, eine eigenständige Persönlichkeit entwickeln muß. Sie führt notwendig weiterhin dazu, dass Bestehendes nicht übernommen werden kann, sondern ständig erneuert werden muss. Das ist eine der Ursachen für die Entwicklungsdynamik von Wirtschaft, Technik und Wissenschaft in unserer Gesellschaft.

c) Widerspruch der Inhalte

Die Struktur kann aber nur insofern wirksam werden, als sie Träger von Inhalten ist. Unter Inhalten verstehen wir die Gesamtheit der Lebensäußerungen einer Person und ihre Einordnung in das soziale Umfeld bzw. die Umwelt. Damit umfaßt der Begriff Inhalt die äußere Erscheinung, das Verhalten, Denken, Fühlen, die Wertvorstellungen, und Ideen, darüber hinaus aber auch die von der Person verinnerlichte Struktur. Weiterhin umfaßt der Inhalt die Bewertung der Person durch die Umwelt. Der Inhalt einer Person kann nie endgültig beschrieben werden, er kann nur in Teilen – selektiv – erfasst werden. In der dialektischen Einheit mit der Struktur gibt es im System der Persönlichkeit keine absoluten Inhalte. Alle Inhalte können nur als sich in Widersprüchen bewegende Erscheinungen beschrieben werden. Dazu ein einfaches Beispiel: Ein Mann ist von Beruf selbständiger Steuerberater. Er hat als persönliche berufliche Maxime, seine Kunden so zu beraten, dass sie keinen Pfennig zuviel Steuern bezahlen müssen und ihm dafür ein angemessenes Honorar zahlen. Gleichzeitig gehört zu seiner Maxime, daß er ”einen guten Namen” bei dem Finanzamt hat, und daß die Beamten dort ihn jederzeit als gesetzeskonform einschätzen. Die berufliche Tätigkeit dieses Mannes beinhaltet also eine gewisse Gratwanderung. Die Befragung nach seiner Ursprungsfamilie ergibt, daß seine Mutter selbständige Kauffrau mit einem Ladengeschäft war und sein Vater Verwaltungsbeamter in einer Stadtverwaltung. Das berufliche Selbstverständnis beider war natürlich sehr unterschiedlich, ebenso das Verhältnis zu Geld und Staat. Während
die Mutter das Gefühl hatte, ”immer zu viele Steuern zahlen zu müssen”, plädierte der Vater für Einhaltung von Recht und Gesetz. Der Sohn macht, wie wir sehen, die beruflichen Gegensätze seines ungleichen Elternpaares zur Grundlage seiner Berufstätigkeit.

d) Synthese und Antagonismus

Unsere Kultur und unsere gesellschaftliche Ordnung sieht die Verbindung zweier zunächst voneinander unabhängigen Personen (Systeme) als Vater und Mutter eines Kindes vor. Für das geborene Kind ist ein Austausch dieser es identifizierenden Personen nicht möglich, es ist mit der Zeugung endgültig auf beide festgelegt. Dieser Grundsatz findet u.a. in dem biblischen Gebot ”Du sollst Vater und Mutter ehren” seinen Ausdruck. Er ist einer der zentralen konstitutiven Grundsätze unserer Gesellschaft. Bezogen auf die Person bedeutet das: Die Person ist die Synthese zweier in ihrer historischen Entwicklung und Programmatik vonein-
ander unabhängiger Systeme. Unabhängig bedeutet, daß jedes dieser Systeme für sich, d.h. ohne das andere oder trotz des anderen existieren kann. Unabhängigkeit schließt aus, dass eines der Systeme nur dann existieren kann, wenn das andere nicht existiert.
Trotzdem finden wir in der Praxis Erscheinungsformen, die einen solchen Schluß nahelegen. Es gibt nicht nur das Phänomen, daß ein Mann seine Ehefrau oder eine Frau ihren Ehemann tötet. Es gibt viel häufiger das Phänomen, daß ein Ehemann alles, was von seiner Frau kommt, ablehnt und die Ehefrau alles vom Mann ebenso negativ bewertet. Diese Ablehnung wird auch auf die sich in den Kindern wiederfindenden Merkmale der Eltern übertragen. Man muß sich allerdings in diesem Zusammenhang fragen: Warum heiratet man einen Partner und bekommt mit ihm sogar Kinder, wenn man ihn später grundsätzlich ablehnt? Die Antwort ist einfach: Man sucht sich gerade einen solchen Partner. Die Negation der Eigenschaften und Verhaltensweisen, die man beim Partner sieht, ist schon in der Person selbst enthalten, bevor sie einen Partner gefunden hat. Wie kann dann die grundsätzliche Ablehnung einer Eigenschaft, die die Person selbst sucht
zum Bestandteil eines Programms und damit des Wesens der Person werden, wenn sie nicht zwischen zwei Partnern entstehen kann? Die Auflösung dieser Frage liegt in einer Struktur, die wir Doppelung nennen. Diese Struktur führt unter bestimmten Bedingungen zu einem antagonistischen Widerspruch, der sich nicht in einer Synthese bzw. neuen Qualität in der Person auflöst. Der Antagonismus führt zu einem Entweder – Oder der Inhalte. Die Folge ist eine Blockierung der Entwicklung bis hin zu einer totalen Auflösung der Inhalte und damit
zur Ent – Individualisierung und zu Identitäts – und Persönlichkeitsverlust. Die meisten psychischen Krankheiten und Störungen sind auf eine solche Struktur zurückzuführen.

e) Doppelungen als Ursachen für Antagonismen

Von einer Doppelung sprechen wir dann, wenn eine der Rollen, über die das Kind ursprünglich identifiziert wird, mit mehr als einer Person besetzt ist, obwohl die Kultur eine einmalige Besetzung vorsieht. In unserer Kultur ist ein Kind, wie schon erwähnt, über einen Vater und eine Mutter identifiziert. Zur Identifizierung hat das Kind nicht nur Vater und Mutter, sondern es braucht Vater und Mutter. In der Praxis kommt es allerdings nicht selten zu Abweichungen von dieser Soll – Vorschrift. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Tod eines Elternteils und Wiederheirat, un- oder voreheliche Zeugung und Heirat eines anderen Partners, Scheidung – Trennung und Neuverbindung, usw. Alle diese Konstellationen können zur Folge haben, daß die Rolle des Vaters oder der Mutter des Kindes mindestens doppelt besetzt ist. Dieser Fall aber ist in unserer Kultur bezüglich der Identifikation eines Kindes (einer Person) nicht vorgesehen. Daß darin eine besondere Problematik liegt, spiegelt sich schon in unserer Mythologie, in unseren Märchen wider. Die dort häufiger auftauchenden ”Stiefmütter” sind grundsätzlich böse. Es wird immer ein Existenzkonflikt zwischen Kindern und Stiefmutter beschrieben. Woraus resultiert dieses Kulturphänomen? Die Soll – Identifizierung einer Person läßt sich in unserer Kultur wie folgt darstellen.

(Kind) K resultiert aus der (dialektischen) Verbindung von M (Mutter) und V (Vater)

Im Falle einer Doppelung haben wir z.B. die folgende Konstellation

Das aus der Verbindung von leiblichem Vater (V1) und Mutter (M) entstandene Kind (K) habe einen Stiefvater (V2) erhalten.

K verbindet in sich ursprünglich M und V1

Durch Hinzuziehen von V2 ergibt sich die Verbindung

Man könnte davon ausgehen, daß etwa V2 komplett an die Stelle von V1 tritt (wenn z.B. das Kind noch sehr klein ist und den Vater V1 nicht gekannt hat). Dies ist jedoch nicht der Fall, da V1 für das Kind nicht einfach physisch existente Person sondern Programm ist. Dieses Programm existiert auch dann weiter, wenn die Person selbst für das Kind nicht mehr physisch existent ist. Das bedeutet V1 ist in jedem Fall parallel zu V2 vorhanden. Wir müssen also unser Schema wie folgt erweitern

Das Kind hat zwei komplette Persönlichkeitsprogramme. Dies widerspricht der kulturellen und gesellschaftlichen Norm, ein einfacher (sprich: eindeutiger) Mensch, eine einheitliche Person zu sein. Diese Norm kommt z.B. in der alltäglichen Frage: Wer ist denn dein richtiger Vater? zum Ausdruck. Das Kind sieht sich damit mit einer für es existentiellen Frage konfrontiert: Es soll entscheiden, wer der richtige Vater, also der Vater ist. Es soll damit einen Vater nicht existieren lassen (verleugnen oder sogar abtöten). Da V1 und V2 aber nicht nur physisch existente Personen, sondern im Kind selbst Programm sind, muss das Kind zwischen sich selbst und sich selbst, also zwischen seinen eigenen Existenzen entscheiden. Genau damit entsteht aus der Struktur ein Antagonismus der Inhalte bzw. ein Antagonismus der Persönlichkeiten in der Person. Antagonismus bedeutet in diesem Zusammenhang ein Entweder – Oder sowohl von Programmen als auch von Personen, nämlich V1 und V2. Voraussetzung für die Existenz von V1 ist die Nichtexistenz von V2 und umgekehrt. Die Widerspiegelung genau dieses Phänomens findet sich im Märchen bei der ”bösen Stiefmutter”. Im Übrigen zeigt sich unsere Kultur bis heute unfähig, ein Märchen mit einer ”guten Stiefmutter” zu erfinden. So wie wir es beschrieben haben, ist der Antagonismus im System der Persönlichkeit ein aus der kulturellen Norm resultierendes Struktur – Dilemma. Wie äußert sich der Antagonismus in der Person? Er führt zu einer Nicht-Einheitlichkeit, zu einer Nicht-Festlegung der Person in einer eindeutigen Form, häufig auch zu einem destruktiven Kampf der Person mit sich und gegen sich selbst. Dieser destruktive Kampf wird auch auf die Beziehungen zu anderen Personen übertragen und beinhaltet Partnerschaftsformen, wie schon weiter oben beschrieben. Aufgrund unserer Beobachtungen können wir davon ausgehen, daß sich der Antagonismus in eben den Programm-Inhalten und Strukturen manifestiert, die V1 und V2 voneinander unterscheiden. Dabei ist festzustellen, daß je weniger die Inhalte voneinander zu unterscheiden sind, um so mehr die ganze Persönlichkeit von der existentiellen Negation betroffen ist. Eine dementsprechende Persönlichkeits -”Störung” ist z.B. die Schizophrenie. Die Praxis zeigt weiterhin, daß der Antagonismus sich in seiner destruktiven Wirkung steigert, wenn er abstrakt geworden ist, wenn er also als Programm an die nächste Generation weitergegeben worden ist. Diese Entwicklung läßt sich folgendermaßen darstellen.

Das Kind (K2) hat ”ganz normal” einen Vater (K) und eine Mutter (P), aus deren Programmen es ebenfalls ”ganz normal” die eigene Persönlichkeit synthetisch entwickeln kann. In diesem Fall ist jedoch K keine einheitliche Person sondern trägt den Antagonismus als Programm in sich.

K2 bekommt die Auflösung seiner selbst als ”Überlebensprinzip” überliefert. Dementsprechend finden wir auch die Psychose als die typische Erscheinungsform dieses Problems immer in der zweiten Folgegeneration einer Doppelung.

Wie läßt sich nun der Antagonismus auflösen und in einen dialektischen Widerspruch über-führen, aus dem eine qualitative Entwicklung resultiert? Nur durch eine Anpassung der Norm. Betrachten wir dazu Personen, bei denen eine Doppelung im Ursprungssystem nicht zu einem Antagonismus führt. Es gelingt diesen Personen offensichtlich, die Existenz zweier Väter (oder zweier Mütter) in ein eigenes Zwei-Personen-Sein umzusetzen. Sie können diese Struktur selbstbewußt (der Begriff ”Selbstbewußtsein” wird später zu erörtern sein) als Bestandteil ihrer Person realisieren, d.h. sie können selbstbewußt ”verrückt” sein. Damit stehen ihnen im Vergleich zur ”einfachen” Person nicht weniger sondern mehr Potentiale zur Entwicklung zur Verfügung. Diese Struktur ist natürlich zu häufig, als daß man sie auf Beispiele der schon öfter beschriebenen Nähe von Wahnsinn und Genialität reduzieren sollte, obwohl es sich im Einzelfall sicher lohnen würde, die darin enthaltene Struktur zu analysieren. Aus Sicht der kulturellen Norm wird der Antagonismus dann aufgelöst, wenn ein Mensch mehr als einen Vater oder eine Mutter haben kann. Wenn man die Scheidungsraten in unserer Gesellschaft betrachtet, werden wir uns in dieser Richtung bewegen müssen.

f) Die Notwendigkeit einer Mehr-Generationen-Betrachtung

Aus der Analyse von Doppelungen müssen wir noch einen weiteren Schritt ableiten. Zum Verständnis der Einheit von Struktur und Inhalt einer Persönlichkeit reicht es nicht aus, sich mit der Beziehungs – oder Kernfamilie zu beschäftigen. Wir müssen die Analyse auf einen historischen Prozeß beziehen, der auch die Abstraktion von Strukturen und Inhalten in Programmen umfaßt, der also mindestens bis zur Großelterngeneration, oft sogar weiter zurückreicht. Am Beispiel der Schizophrenie wird deutlich, daß eine noch so genaue Beschreibung und
feinsinnige Analyse der Erscheinungsform nicht ausreicht sondern nur immer wieder zu dem gleichen Ergebnis führen kann, nämlich daß Schizophrenie eine unheilbare Krankheit ist. Weder Medizin noch Psychologie sind über diesen Status hinausgekommen. Schizophrenie ist eine Folge der Entwicklung der Person in einem historisch sozialen Kontext und damit des Wesens der Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit. (Über die Möglichkeit der professionellen Behandlung von Schizophrenie habe ich mich an anderer Stelle geäußert).

5. Bewußtsein und Selbstbewußtsein – Verwurzelung der Person im sozialen und historischen Raum

Bewußtsein und Selbstbewußtsein sind zentrale Kategorien (Grundbegriffe) der Psychologie. Beide müssen als solche neu bestimmt werden, wenn wir vom Wesen der Person sprechen wollen. Bewußtsein ist das Wissen der Person darum, daß sie als Mensch im Austauschprozeß mit der Natur steht, daß sie ihre körperlichen Bedürfnisse aus der Natur befriedigen muß und daß sie die Natur zwecks Befriedigung ihrer Bedürfnisse gestaltend beeinflussen kann. Weiterhin das Wissen darum, daß sie als einzelner Mensch abhängig ist vom gemeinsamen Funktionieren (Zusammenleben) einer Gesellschaft, die ihrerseits daraus entsteht, daß sie einen Beitrag einbringt. In Verbindung damit auch das Wissen um gesellschaftliche ”Normalität”, d.h. ein System von Normen und Klischees, die einen Bezugsrahmen für jeden einzelnen darstellen und die damit auch Vergleichsmaßstab für die Abweichungen aller Individuen sind. Selbstbewußtsein ist das Wissen der Person um das eigene Programm als Grundlage der persönlichen Lebensorganisation (in der gesellschaftlichen und natürlichen Umwelt). Selbstbewußtsein bedeutet, daß die Person um ihre historischen Persönlichkeits – Potentiale weiß, mit denen sie gegenwärtige und zukünftige Anforderungen und Aufgaben bewältigen kann. Diese Potentiale stellen eine relative Unabhängigkeit der Person gegenüber zufälligen Ereignissen dar. Selbstbewußtsein resultiert nicht originär bzw. keinesfalls ausschließlich aus der Erfahrung erfolgreichen Handelns, wie es fälschlicherweise häufig in der Psychologie vertreten und behauptet wird. Es ist daher nicht erlernbar. Es ist das Ergebnis der Erfahrung
und Erforschung der eigenen (Vor-) Geschichte und der Herstellung eines Zusammenhangs dieser Geschichte mit dem aktuellen und projektierten Handeln. Es ist Teil des inneren Organisationsrahmens des persönlichen Handelns. Selbstbewußtsein ist weiterhin das Wissen um die eigene Einzigartigkeit und die Fähigkeit, diese in Bezug zur allgemeinen ”Normalität” zu setzen. Man kann dies auch als Wissen über den Wert der eigenen Person auf dem ”Markt” der gesellschaftlichen Beziehungen bezeichnen.
Die Bedeutung und das Verhältnis der Begriffe soll an einem etwas ausführlicherem Beispiel dargestellt werden. Ein 16-jähriger Jugendlicher im Osten Deutschlands (ehemals DDR) hat sich einer Gruppe gleichaltriger sogenannter ”Neonazis” angeschlossen. Die
Gruppe verübt verschiedene Straftaten, bedroht Ausländer, zündet ein Auto an. Die Mitglieder der Gruppe werden von der Polizei aufgegriffen und kommen vor Gericht. Wie stellen sich Bewußtsein und Selbstbewußtsein des 16-jährigen Jungen dar, der in der Gruppe eine führende Rolle spielte? Sein Bewußtsein, andere Menschen zum Überleben und persönlichen Wohlergehen zu brauchen, ist in Ansätzen entwickelt. Allerdings beschränkt es sich auf Personen, die er kennt und zu denen er unmittelbaren Kontakt hat. Menschen außerhalb dieses Kreises sieht er als die Bedrohung seines Wohlergehens und als Einschränkung seiner Freiheit an. Eine Lehrstelle hat er nicht angetreten, weil ”Lehre machen sowieso keinen Zweck” hat, und weil er ”gegen die Bedrohung durch Ausländer ankämpfen” muß. Seine Mutter bekommt für ihn ”Geld vom Sozialamt”, das ”gerade für Zigaretten und Bier reicht”. Seinen sonstigen Lebensunterhalt ”besorgt” er sich zusammen mit seinen Freunden. Auf die
Frage, woher das Geld des Sozialamtes kommt, und die Dinge, die er sich ”besorgt”, meint er sie seien ”einfach da”, bzw. das Geld des Amtes seien ”unsere Steuern”. Sein Bewußtsein ist auch hier darauf beschränkt, daß er gewisse Lebensmittel braucht, in der Reihenfolge Zigaretten, Klamotten, Bier, Essen, diese aber ”a priori”, d.h. ohne sein Zutun von ihm selbst oder von anderen Menschen zur Verfügung stehen.
Auch seine Weltanschauung ist auf einige wenige Begriffe reduziert. Er ist Neonazi, weil ”man gegen Ausländer etwas tun muß”; auf die Frage, wer alles Ausländer sei, zählt er einige Ländernamen auf, meint aber ”auch viele Wessis sind wie Ausländer”. Außerdem sei ”Hitler gegen Ausländer und Juden” gewesen. Zusammengefaßt läßt sich feststellen, dass das Bewußtsein des Jungen auf sehr wenige, in sich undifferenzierte Kategorien reduziert ist. Wie sieht das Selbstbewußtsein des Jungen aus? Es fällt auf, daß er im Einzelgespräch ganz anders wirkt, als in seiner Gruppe. Während er sich in der Gruppe ”stark” gibt, wirkt er im Einzelgespräch ”schwach” und unsicher. Er berichtet, daß seine Eltern geschieden wurden, als er ein Jahr alt war. Er blieb bei seiner Mutter, von seinem Vater kennt er den Namen und er glaubt, daß er irgendwo ein Foto von ihm habe. Mehr Informationen hat er vom Vater nicht. Er ging in die Kinderkrippe, Kindertagesstätte und Schule, wie es normal war. Er habe ”alles mitgemacht” und war immer unauffällig. Mit 13 Jahren habe er angefangen, ”nicht mehr auf die Mutter zu hören”. Großeltern und andere Verwandte kennt er nicht. Er glaubt, dass die Großeltern mütterlicherseits ”irgendwo in Mecklenburg” wohnen. Seine Mutter habe in einem Betrieb gearbeitet, über ihre Arbeit kann er nichts sagen. Z.Zt. mache sie einen Kursus. Was seine Mutter außerhalb der Arbeit gemacht hat, weiß er nicht. Auf die Frage, was an ihm gut sei, bzw. was er gut könne, kann er keine Antwort geben. Das Wissen um das Potential, aus dem sich das Selbstbewußtsein des Jungen entwickeln kann, ist weitgehend reduziert auf die unmittelbar erfahrene Beziehung zur Mutter. Die Programme von Vater und Mutter sind nicht von ihm formulierbar. Damit ist die Verwurzelung
im historischen Raum ebenso eingeschränkt wie die im sozialen Raum. In der fehlenden Ausprägung dieser Verwurzelung ist die Ursache für die fortschreitende Einengung der aktuellen Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen.
Damit ist aber nicht gesagt, daß eine solche Entwicklung grundsätzlich nicht möglich wäre. Vater, Mutter und Großeltern, also die Programme der Ursprungsfamilie sind historische Realität. Sie stehen zwar für die Identifizierung des Jungen im Moment nicht bzw. nur eingeschränkt im Sinne eines verfügbaren Potentials zur Verfügung, sind aber objektiv vorhanden. In einem Alter und unter sozialen Umständen, die einer Individualisierung nicht bedurften, in dem die Organisierung von außen erfolgte, schien es nicht notwendig, mehr des objektiven Potentials verfügbar zu machen. Mit dem Erwachsenwerden und besonders in einer
Gesellschaftsordnung, in der die Individualität der Persönlichkeit Grundlage des Zusammenlebens ist, wird es notwendig, dieses objektive Potential zu erforschen und damit für die Entwicklung des Selbstbewußtseins und des Bewußtseins der Person nutzbar zu machen. Aus dieser Erkenntnis muß die Arbeit des Gerichts, der Sozialarbeit oder anderer gesellschaftlicher Einflußnahmen begründet sein. Selbstbewußtsein als die Basis sozialen Handelns kann nicht von außen antrainiert werden sondern kann nur auf der eigenen individuellen Geschichte entwickelt werden. Verwurzelung im sozialen Raum bedarf der Verwurzelung im historischen Raum.

6. Quantität und Qualität

Das Verhältnis von Quantität und Qualität wurde unter verschiedenen Gesichtspunkten der Persönlichkeitsentwicklung bereits in den vorangegangenen Kapiteln behandelt. So wurde im zweiten Kapitel dargestellt, daß die Art und damit die Qualität einer Persönlichkeit eine andere ist, wenn die Größe der Gesellschaft durch einen vorindustriellen landwirtschaftlichen Bezugsrahmen festgestellt wird als die Art der Persönlichkeit in einer Industriegesellschaft, die Kontakte und Arbeitsteilungen zwischen mehreren hundert Millionen Menschen erfordert. Wir hatten im 5. Kapitel festgestellt, daß eine bestimmte eingeschränkte Menge an persönlicher historischer Information zu einer Art Persönlichkeit führt, die nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Gesamtprodukt mitwirken kann. An dieser Stelle möchte ich einen anderen Aspekt, nämlich den Erfolg pädagogischer und therapeutischer Maßnahmen, herausgreifen, um den Zusammenhang von Quantität und Qualität zu verdeutlichen.. Wann können wir infolge einer solchen Maßnahme von einem qualitativen Fortschritt der Person sprechen? Die bisher angewandten Kriterien sind entweder die subjektive Befindlichkeit oder meßbare Veränderungen in der Erscheinungsform oder aber eine Kombination aus beidem. Bewerten wir diese Kriterien aufgrund unseres Beispiels aus dem vorigen Kapitel. Angesichts der Strafandrohung entwickelt der Jugendliche Reuegefühle und verspricht, nie mehr etwas Unrechtes zu tun. Unter Mithilfe des Jugendamtes findet er eine Lehrstelle. Er wird zusätzlich sporadisch von einem Sozialarbeiter betreut. Nach einem halben Jahr wird die Frage gestellt, ob man die Betreuungsmaßnahme beenden kann. Hat er sich persönlich weiterentwickelt? Der Sozialarbeiter beantwortet die Frage mit ”ja”. Er begründet seine Antwort damit, daß er eine gute Beziehung zu dem Jungen entwickelt habe, daß dieser regelmäßig zur Lehre ginge, und dass er das Gefühl habe, der Junge habe seine Verbindungen zu Neonazis aufgegeben, außerdem habe er einige Male mit der Mutter gesprochen und den Eindruck, daß auch die Beziehung zwischen Mutter und Sohn sich verbessert habe. Die Frage, ob er Vater, Großeltern oder andere Verwandte des Jungen kennengelernt habe, beantwortet er mit ”nein”. Was können wir aufgrund dieses Berichts zur Entwicklung der Persönlichkeit sagen? Er war offensichtlich in der Lage, sich an einen von außen gesetzten und kontrollierten Rahmen anzupassen – ein Bestandteil seines Programms, der allerdings nicht neu ist. Hat es aber auch in seinem individuellen Programm, in der Quantität der ihm verfügbaren Potentiale eine Veränderung gegeben? Offensichtlich nicht! Weder er selbst, noch der Experte kann mehr persönliche Ressourcen benennen als vorher. Eine qualitative Entwicklung der Persönlichkeit können wir damit ausschließen. Der Junge bleibt genauso abhängig in den Bezügen zu anderen Personen wie vorher. Um es einfach auszudrücken: ohne daß die Person mehr über ihre Vorgeschichte, über Eltern und Großeltern weiß, ohne daß sie dieses mehr Wissen auf ihr persönliches Verhalten und Erleben beziehen kann, hat sie keinen qualitativen Fortschritt gemacht.

Abschlußbemerkungen

In Wechselwirkung mit den dargestellten theoretischen Überlegungen habe ich in den vergangenen Jahren gemeinsamer Arbeit mit vielen Personen, Experten und Ratsuchenden, das Konzept der Systemischen Persönlichkeitsanalyse entwickelt. Diese setzt die persönlichkeitstheoretischen Ansätze in eine Erkenntnistheorie und in praktische Arbeits- und Organisationsstrategien um. Ich werde den Stand dieser Erfahrungen in Kürze in einer gesonderten Schrift dokumentieren. Wesen und Erscheinung bilden in der Person eine dialektische Einheit. Die Psychologie ist die Wissenschaft, die diese Einheit erforschen und das daraus gewonnene Wissen den Personen selbst und der Gesellschaft zur Verfügung stellen soll. Psychotherapie, Beratung, Pädagogik sind ohne solche Grundlagen nicht möglich.