Persönlichkeit als dialektisch – historisches System

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Aspekte einer systemischen Persönlichkeitstheorie und ihrer Umsetzung in psychologischem Handeln

Ich möchte meinem Vortrag ein Zitat von Erich Fromm vorausstellen. In seinem Buch Anatomie der menschlichen Destruktivität sagte er:

„Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das nicht nur Objekte kennt, sondern auch weiß, dass es sie kennt. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das nicht nur eine instrumentelle Intelligenz, sondern Vernunft besitzt, die Fähigkeit, seinen Verstand dazu zu benutzen, objektiv zu verstehen – das heißt, das Wesen der Dinge, wie sie an und für sich sind, und nicht nur als Mittel zu seiner Befriedigung zu erkennen. Mit diesem Bewußtsein seiner selbst und mit dieser Vernunft begabt, ist sich der Mensch seiner Getrenntheit von der Natur und von anderen Menschen bewußt;……. Er ist ein Teil der Natur, ihren physikalischen Gesetzen unterworfen und unfähig, sie zu ändern, und doch transzendiert er die Natur. Er ist getrennt von ihr und doch ein Teil von ihr……… An einem zufälligen Ort und zu einem zufälligen Zeitpunkt in diese Welt geworfen, ist er gezwungen, sie wie es der Zufall will, und gegen seinen Willen zu verlassen. Da er sich seiner selbst bewußt ist, erkennt er seine Ohnmacht und die Begrenztheit seiner Existenz. Er ist nie frei von der Dichotomie seiner Existenz.“.¹

Zunächst möchte ich mich ihnen kurz vorstellen. Ich heiße Helmut Johnson. Ich habe von 1970-1975 Psychologie in Marburg studiert. Mein Hauptmotiv für das Psychologiestudium lag darin, „das Wesen der Dinge an und für sich“ bzw. das was „die Welt im innersten zusammenhält“ kennenzulernen. Glücklicherweise bot das damalige Psychologiestudium den dazu notwendigen Raum, so daß ich die Gelegenheit hatte, mich mit Philosophie, Soziolo-gie, Politikwissenschaften und Pädagogik zu beschäftigen. Während des gesamten Studiums lag mir nichts ferner als der Gedanke an eine spätere beruflichen Verwertung. Insbesondere konnte ich ausschließen, jemals als Therapeut oder innerhalb der Psychiatrie, Sucht- oder Behindertenarbeit tätig zu werden. Ich war darin durch den Besuch eines Grundkurses in klientzentrierter Therapie noch bestärkt worden. Das Ende des Studiums mit der Diplomprüfung kam für mich plötzlich. Nach drei erfolglosen Bewerbungsversuchen gründete ich 1976 eine psychologische Praxis. Als erster freiberuflich tätiger Psychologe in der Region bot ich Einzel- und Gruppentherapie an und erhielt sofort Kassenzulassungen. Ohne weiteres Zutun fragten Behinderten- und Jugendhilfeeinrichtungen wegen Beratung bei mir an. Im Jahre 1979 waren 6 weitere Therapeuten bei mir beschäftigt. Trotzdem war es uns nicht möglich, die Nachfrage nach Psychotherapie zu befriedigen, so dass wir die Kandidaten nach dem Zufallsprinzip und nach privater Krankenversicherung aussuchten.

(¹Erich Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität, 1973 (zitiert aus Erich Fromm, Gesamtausgabe Bd. 7, S. 202, München 1989))

Trotz des scheinbaren Erfolgs war ich immer wieder mit dem Dilettantismus meiner therapeutischen und beratenden Tätigkeit konfrontiert. Ich mußte – im wahrsten Sinne des Wortes – die Verzweiflung einer Klientin in einem psychotischen Schub miterleben, ohne sie zu verstehen, ich mußte die Not von Eltern mit ansehen, deren Kind an asthmatischen Anfällen zu sterben drohte, ohne ihnen helfen zu können. Ich mußte eingestehen, daß die Abläufe in einer Behinderteneinrichtung zu komplex waren für meinen klientzentriert-verhaltenstherapeutischen Ansatz: Das Bedrückenste an allem war aber, daß diese Erfahrungen die Geldgeber nicht interessierten. Für Krankenkasse, überweisende Ärzte, Leitungen von Einrichtungen gab es offenbar keine Mißerfolge, auch wenn sie offensichtlich waren. In dieser Situation lernte ich 1979 den Mailänder Systemischen Ansatz um Mara Selvini-Pallazzoli kennen. Er bot uns – ich weiß heute nicht mehr, warum – ein schlüssig erscheinendes Konzept. In der Folgezeit adaptierten wir diesen Ansatz in unserer Praxis. Wir arbeiteten konsequent mit paradoxen Interventionen, was zur Folge hatte, daß wir nicht nur einen großen Teil unserer Klienten, sondern auch unsere Zuweiser verschreckten. Der Klientenschwund ging so weit, daß wir letztlich nur noch zu zweit in der Praxis arbeiteten und uns Gedanken um neue Tätigkeitsfelder machen mußten. 1982 gründeten wir das Institut für Familientherapie in Siegen, das Fortbildung auf der Basis des durch uns modifizierten Mailänder Ansatzes für alle im sozialen Bereich tätigen Personen anbot. Mit diesem Schritt begannen wir, uns in unserer Arbeit von dem medizinischen Paradigma zu verabschieden. 1983 gaben wir unsere Kassenzulassung zurück. Ab 1985 führten wir keine Therapien, sondern nur noch Beratungen durch, 1987 benannten wir das Institut in „Siegener Privat-Institut für Psychologie“ um. Parallel zu dieser Entwicklung bot mir die Fortbildungstätigkeit die Möglichkeit, mich wieder meinem ursprünglichen psychologischen Projekt zu widmen. Der Mailänder Ansatz erwies sich auf Dauer als wenig praktikabel, die Theorie als unzureichend. In der praktischen Arbeit stellte sich heraus, daß dem Modell eine historische Komponente fehlte, dass Familiensysteme eine zeitliche Gerichtetheit haben. Als größter Mangel erwies sich jedoch, daß es keine Aussage über den Menschen als Individuum über die Person machen kann. Daher versuchte ich mich ab Mitte der ‘80er Jahre in der Formulierung eines systemischen Persönlichkeitsmodells. Die entwickelten Hypothesen stellte ich in meinen eigenen Beratungen, in den von mir beratenen Institutionen und in der Praxis meiner Fortbildungsteilnehmer zur Überprüfung, so daß sie meinen heutigen Überlegungen in einer ständigen Wechselwirkung von theoretischer Verarbeitung und praktischer Erfahrung herausgebildet haben. 1993 wurde das Siegener Privat-Institut für Psychologie aufgelöst. Nach Gründung von zwei neuen Instituten führe ich heute hauptsächlich Organisationsentwicklung und -beratung, sowie Fortbildungen durch.

Doch nun zum Thema:

Zunächst möchte ich mich kurz der Frage des Sinns und Zwecks einer Persönlichkeitstheorie aus der Sicht des praktisch tätigen Psychologen widmen:

Wozu braucht ein psychologischer Praktiker eine Persönlichkeitstheorie?

1. Der Psychologe erbringt i.d.R. eine Dienstleistung. Gegenstand dieser Dienstleistung ist die Entwicklung von Menschen. Die psychologische Aufgabe kann sich auf einzelne Personen oder auf Gruppen von Personen beziehen. Jeder Auftrag, der sich auf eine Gruppe von Personen bezieht, betrifft gleichzeitig auch jedes Individuum der Gruppe. Der Auftraggeber erwartet vom Psychologen die Beschäftigung mit der Besonderheit der Person, mit ihrer Einzigartigkeit. Auch wenn der Auftrag sich ausdrücklich auf einen Teilbereich des Verhaltens oder der Entwicklung der Person bezieht, wird vom Psychologen eine ganzheitliche Sicht der Person erwartet (an dieser Stelle unterscheidet sich die Erwartung an eine psychologische Dienstleistung grundsätzlich von der Erwartung an eine medizinische Dienstleistung, die sich in erster Linie auf die Beseitigung eines Defekts richtet). Der Psychologe braucht zur Bestimmung des Gegenstandes seiner Tätigkeit eine Persönlichkeitstheorie. Ohne eine solche Theorie sind Inhalte und Ziele der psychologischen Tätigkeit weder bestimmbar noch bewertbar.

2. Der zweite Grund für die Notwendigkeit einer Persönlichkeitstheorie liegt in der Person des Praktikers selbst. Kaum jemand studiert Psychologie ausschließlich zum Zweck einer späteren beruflichen Verwertung. Vielmehr ist den meisten Psychologen das quasi „angeborene“ Bedürfnis eigen, sich selbst als einzigartige Person zu verstehen und zu akzeptieren. Wenn der Praktiker seine Einzigartigkeit, seine Identität nicht in einer Persönlichkeitstheorie wiederfindet, bleibt sein Motiv, sich mit der Psychologie zu beschäftigen, unbefriedigt. Seine psychologische Dienstleistung basiert dann nicht auf Selbstbewußtsein, und er wird zum Objekt und Opfer seines Berufs.

Aufgrund dieser beiden Überlegungen leite ich die folgenden Anforderungen an die Persönlichkeitstheorie ab:

1. Sie soll die Grundbegriffe für die Beschreibung der Einzigartigkeit (Identität) der Person liefern.

2. Sie soll die Systematik der Entstehung einer einzigartigen Persönlichkeit darstellen.

3. Sie soll die Beeinflußbarkeit der Persönlichkeitsentwicklung durch äußere Einflüsse und damit Handlungsmodelle für die psychologische Arbeit beschreiben.

4. Sie soll überprüfbare Hypothesen zur Entwicklung der Person liefern und damit psychologische Arbeit bewertbar machen.

5. Sie soll im Selbstversuch plausibel und nachvollziehbar sein.

Anthropologische Vorüberlegungen

Eine Persönlichkeitstheorie ohne eine Anthropologie, ohne ein expliziertes Menschenbild ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Deshalb möchte ich mich kurz mit den wesentlichsten Antworten auf die Frage „ Was ist der Mensch?“ beschäftigen, die in meine Überlegungen zu einer Persönlichkeitstheorie einfließen.

1. Der Mensch ist Bestandteil der Natur

Menschsein ist an die materielle Existenz von Menschen gebunden. Begriffe wie Geist oder Seele sind davon nicht ausgenommen.

2. Der Mensch ist ein historisches Wesen

Als einziges lebendes Wesen schafft der Mensch materielle und Wissenswerte, die Grundlage des (Über-) Lebens der Folgegenerationen sind. In jeder Folgegeneration sind die Kenntnisse und Errungenschaften der Vorgeneration enthalten.

3. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen

Im Kampf um sein Überleben ist der Einzelne auf die Gruppe angewiesen. Ein individuelles Überleben ohne den Bezug zur Gruppe ist nicht möglich.

4. Jeder Mensch ist ein Individuum

Individualität ist ein Wesensmerkmal des Menschen. Sie hat sich mit der Arbeitsteilung in der menschlichen Gesellschaft und mit dem Erwerb und der Weitergabe von persönlichem Besitz entwickelt.

5. Als einziges Wesen hat der Mensch Bewußtsein.

a) Der Mensch entwickelt Bewußtsein über seine Naturhaftigkeit. Der Mensch als Einzelner und als Gesellschaft ist sich der Endlichkeit der natürlichen Existenz des Einzelnen bewußt. Dieses Bewußtsein findet Ausdruck in der vorausschauenden Übertragung persönlicher und gesellschaftlicher Werte auf die nächste Generation.

b) Der Mensch entwickelt Bewußtsein über sein gesellschaftliches Sein. Er entwickelt Religionen, Moral und Gesetze als Ausdruck und zur Organisation seines (Über-) Lebens in der Gesellschaft.

c) Der individuelle Mensch entwickelt individuelles Selbstbewußtsein. Individuelles Selbstbewußtsein ist das Wissen um die Unterschiedlichkeit der eigenen persönlichen Lebensorganisation innerhalb der Gesellschaft.

Persönlichkeit

Wenden wir uns nun der Persönlichkeitstheorie selbst zu:

1. Kein Kind, das heute geboren wird, entwickelt oder „erfindet“ das Menschsein neu. Vielmehr beginnt es sein Leben auf einem Stand des Menschseins, den alle seine Vorgenerationen bis zum Zeitpunkt seiner Geburt geschaffen haben. Dieser Stand beinhaltet ein erfolgreiches Überlebensmodell in der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur. Daß dieses Überlebensmodell bisher erfolgreich war, kann man an der Existenz des Kindes ablesen. Die kindliche Persönlichkeit entwickelt sich innerhalb der Anwendung der spezifischen Überlebensmodelle – ich möchte sie im weiteren „Programme“ nennen – der das Kind betreuenden Person. Dabei erlebt das Kind das Ergebnis der Anwendung der Programme auf die gesellschaftliche und natürliche Umwelt.

Abbildung 1

Das „Programm“ hat einen primär historischen Charakter. Es beinhaltet die als Erfahrung abstrahierten Ergebnisse früherer individueller Auseinandersetzungen mit der Umwelt bei ähnlichen Anforderungen. Im Verhalten gehen Programm und Umwelt eine Verbindung ein. Diese Verbindung findet einen Niederschlag sowohl im Programm als auch in der Umwelt. Beide werden durch das Verhalten beeinflußt und verändert. Über
das Verhalten wird die Umwelt zum Bestandteil des Programms (verinnerlicht) und das Programm zum Bestandteil der Umwelt (veräußerlicht).

2. Man könnte jetzt meinen, das „Programm“ des Kindes entwickele sich, indem das Kind die Programme seiner betreuenden Personen lernend übernimmt. Wenn dem so wäre, wäre ein Kind von beliebigen Bezugspersonen „frei programmierbar“. Ein solcher Programmierungsvorgang ist in unserer Kultur und in unserer Gesellschaft jedoch nicht vorhergesehen. Vielmehr wird in unserer Gesellschaft diese Rolle weitgehend den Eltern übertragen. Das Kind wird aufgrund eines allgemeinen gesellschaftlichen Konsens mit den Eltern und mit deren Programmen identifiziert. Weder hat das Kind die Möglichkeit, sich die Eltern auszusuchen, noch hat irgendeine andere Person die Möglichkeit, die Eltern des Kindes frei zu bestimmen.. Gleichzeitig haben die Eltern nicht die Chance, ihre Elternschaft ungeschehen zu machen. Als Folge davon wird das Kind passiv, ohne aktives Zutun auf die elterliche Programmatik festgelegt. Die Identifizierung des Kindes mit den Eltern und ihren Programmen geschieht unabhängig davon, ob Eltern und Kind einen unmittelbaren Kontakt haben, sie ist beziehungsunabhängig. In der Regel, wenn das Kind bei den Eltern lebt, findet die Übernahme elterlicher Programme durch das Kind und die Zuordnung des Kindes zu diesen Programmen durch die Umwelt in einer nicht trennbaren Einheit statt. Im Extremfall kann es allerdings vorkommen, daß beide Prozesse sich auf unterschiedliche Personen beziehen und nicht als Einheit ablaufen. Wir finden dies z.B. bei anonym adoptierten Kindern vor, die einerseits die Programme der Adoptiveltern übernehmen, andererseits von den Adoptiveltern selbst und von vielen anderen Personen der Umwelt als „ nicht-eigene “ Kinder angesehen und identifiziert werden, die (im günstigsten Fall) etwas Fremdes von „ihren Eltern“ mitbringen. Demzufolge fühlen und verhalten sich Adoptivkinder gegenüber ihren Adoptiveltern häufig fremd. Der Identifizierung des Kindes über eindeutige Eltern müssen wir noch weitere Aufmerksamkeit widmen. Der Begriff Eltern repräsentiert nicht etwa ein einheitliches Überlebensmodell, d.h. ein einheitliches Programm. Vielmehr stellen Vater und Mutter jeweils eigenständige Personen dar, die sich unabhängig voneinander entwickelt haben. Unsere Kultur geht von der Fortführung einer individuellen persönlichen Identität von Mann und Frau aus, wenn sie gemeinsam ein Kind haben und eine Familie bilden. Folglich müssen wir das Kind nicht einem, sondern zwei voneinander unabhängigen Programmen zugeordnet und damit identifizieren. Hinzu kommt, daß beide Programme sich
bisher als erfolgreich erwiesen haben, obwohl sie zu unterschiedlichem Verhalten bei gleichen oder ähnlichen Umweltanforderungen führen – da Vater und Mutter eigenständige Personen sind, müssen sie sich zwangsläufig in ihrem Verhalten unterscheiden. In der konkreten Situation stehen damit dem Kind zwei erfolgreiche, gleichwertige, aber sich gegenseitig ausschließende Modelle zur Verfügung. Der entstehende Gegensatz ist nicht
auflösbar, er ist ein bleibender, die Persönlichkeit bestimmender und entwickelnder dialektischer Widerspruch.

Abbildung 2

Ich möchte die bisher gemachten Aussagen in einer Definition und in einem Schema zusammenfassen. Persönlichkeit in unserer Kultur ist die aus den väterlichen und mütterlichen Programmen im Handeln entstehende Einheit des Programms der Person.

Abbildung 3

Diese komplexe Definition enthält eine Anzahl von Teilaspekten, deren wichtigste im folgenden untersuchen möchte.

1. Persönlichkeit entsteht nur im Verhalten, d.h. in einer Auseinandersetzung mit der die Person umgebenden gesellschaftlichen und natürlichen Umwelt. Wenn keine Informationen aus der Umwelt zu verarbeiten wären, kämen die Programme der Ursprungssysteme gar nicht erst zum Einsatz.

2. Die Einheit von V und M, des väterlichen und des mütterlichen Programms, in der Person ist eine dialektische Einheit. Sie ist keine einmal gefundene endgültige Synthese, sondern entsteht im Verhalten ständig neu. Sie ist dynamisch, nicht statisch. Aufgrund der vorher beschriebenen Universalität der einzelnen Ursprungsprogramme
ist eine summarisch-mechanische Verbindung nicht möglich. Die Verbindung erfordert vielmehr eine bisher nicht existierende Dimension, eine neue Qualität, d.h. im Verhalten der Person entsteht eine neue Qualität, die aus der Kenntnis der Ursprungsprogramme nicht mechanisch ableitbar und damit auch nicht vorhersagbar ist. Persönlichkeit ist weder vorhersehbar, noch programmierbar. Sie entsteht notwendig als das einzigartige Ergebnis eines dialektischen Prozesses. Wie wir später sehen werden, können wir als Außenstehende zwar diese Gesetzmäßigkeiten des Prozesses beschreiben, wir können vielleicht auch die Richtung beeinflussen, das konkrete Ergebnis können wir jedoch nicht bestimmen.
Persönlichkeit ist demzufolge individuell. Die Person ist ein Individuum. Der dialektische Prozeß der Entwicklung der Persönlichkeit bedeutet aber keinesfalls, dass sie instabil oder zufällig ist. Stabilität und Richtung entstehen einerseits aus der Verankerung – oder wie ich lieber sage, Verwurzelung – im Ursprungssystem und andererseits in der Notwendigkeit, einen höheren Komplexitätsgrad des eigenen Überlebensprogramms im Vergleich zur Elterngeneration zu entwickeln. Beides sind Vorgaben, die – wie ich beschrieben habe – keine Ausnahmen erlauben.

3. Die vorgeschlagene Definition von Persönlichkeit ist kulturabhängig. Die Kultur und ihre Umsetzung in Moral, Werte, gesellschaftliche Normen und Gesetze legen fest, wie und worüber eine Person identifiziert wird. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau und damit die Gleichbewertung von väterlichem und mütterlichem Ursprungssystem, die Identifizierung über einen Vater und eine Mutter sind kulturelle und gesellschaftliche Festlegungen, die keineswegs in allen Kulturen gelten und auch in unserer Kultur nicht immer galten. Es existieren heute noch Reste von Urgesellschaften, in denen ein Vater nicht eindeutig zu identifizieren ist.

Es gibt hochentwickelte vorindustrielle Gesellschaften, in denen die Zugehörigkeit zu einem Stamm und zu einer in der Stammesordnung definierten Rolle die Person mehr identifiziert, als die Zugehörigkeit zu einer Familie, ein Stammesältester das Kind mehr identifiziert, als der Vater. In diesen Fällen müssen wir natürlich eine andere Definition von „Persönlichkeit“ entwickeln als in unserer Kultur.

Dialektische Gegensätze in der Persönlichkeit

Die Anwendung des dialektischen Denkmodells läßt uns in unserer Persönlichkeitsdefinition weitere dialektische Elemente finden, die wir bei einer Umsetzung in eine Methodik psychologischen Handelns benötigen. Ich möchte deshalb noch einige Gegensatzpaare beschreiben, die in der Persönlichkeit eine dialektische Einheit bilden:

Individualität und Kollektivität (bzw. Gesellschaftlichkeit)

Notwendige Bedingung für die Existenz des Besonderen ist die Möglichkeit des Bezugs zum Allgemeinen. Besonderes ohne Allgemeines kann es nicht geben. Ebenso verhält es sich mit der Besonderheit der Person, mit ihrer Individualität. Sie existiert nur im Bezug und im Vergleich mit dem, was vielen oder allen Personen gemeinsam ist. So kann z.B. eine Änderung einer gesellschaftlichen Wertung dazu führen, daß ein Verhalten, das heute als ungewöhnlich sprich individuell angesehen wird, zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr als besonders auffällt, weil alle oder viele Menschen sich so verhalten. Je mehr Personen in diesen Vergleich eingehen, um so individueller kann die einzelne Person sein. Damit stehen Kollektivität und Individualität in einem proportionalen Verhältnis zueinander. Je größer das Kollektiv, um so besonderer kann der Einzelne sein.

Anlage und Umwelt (oder philosophischer: Natur und Kultur)

In der Persönlichkeit bildet beides eine untrennbare Einheit. Es gibt kein Verhalten, das nur durch eine genetische Anlage oder nur durch Übernahme extremer Modelle gelenkt wird. Die Frage, ob ein bestimmtes Verhaltensmerkmal des Kindes von den Eltern genetisch vererbt sei oder ob es über den Sozialisations- bzw. Identifikationsprozeß erworben sei, ist im Grunde von zweitrangiger Bedeutung. Erbanlagen sind nach heutigem Stand nicht manipulierbar oder auswählbar. Ihre Bedeutung für die Persönlichkeit gewinnen sie in jedem Fall nur in Verbindung mit dem sozialen und historischen Identifikationsprozeß. Für den Schaden, den eine linear-mechanistische Sichtweise in diesem Zusammenhang anrichten kann, gibt es viele auch aktuelle Beispiele. Ich möchte hier kurz auf ein Beispiel eingehen. Lange Zeit hielt man ein „Down-Syndrom“ für einen Erb-„Schaden“, der es dem Kind nicht erlaubte, eine individuelle Persönlichkeit zu entwickeln. In der Literatur wurden spezifische Persönlichkeitsmerkmale für die Gruppe der Down-Kinder beschrieben. Eine Identifizierung über die Eltern billigte man den Kindern nicht zu. Demzufolge hielt man eine frühzeitige Heimunterbringung für die angebrachteste Art der Betreuung. (Einige Jahre früher wählte man eine radikalere Lösung). Inzwischen ist ein weitgehender Wandel der Sichtweise eingetreten. Und man stellte fest, daß Menschen mit Down-Syndrom ebenso individuelle, ausgeprägte und unver-wechselbare Persönlichkeiten haben wie andere Menschen. Trotzdem stelle ich beim Gespräch mit den Eltern nicht selten fest, daß ihnen die Frage: „Was hat denn ihr Kind für Eigenarten und Fähigkeiten von ihnen und den Großeltern mitbekommen?“ zum erstenmal gestellt wird.

Struktur und Inhalt

In der Persönlichkeit verbinden sich Struktur- und Inhaltskomponenten zu einer Einheit. Die Strukturelemente bestehen aus je einem Vater- und Muttersystem, die wiederum je ein Vater- und Muttersystem enthalten, usw. Die Srukturvorgabe beinhaltet weiterhin, dass Vater- und Muttersysteme unabhängig von ihren Inhalten in der Persönlichkeit des Kindes zu einer Synthese finden. Sie schließt aus, daß nur eines der beiden Ursprungssysteme fortgesetzt werden kann oder sogar eines der beiden nur dann überleben kann, wenn das andere nicht überlebt. Trotzdem kann es in der Person zu einem solchen Antagonismus kommen. Der Hintergrund dafür ist ein Strukturphänomen, das wir Doppelung nennen. Von einer Doppelung sprechen wir dann, wenn eine der Rollen, über die das Kind ursprünglich identifiziert wird, mit mehr als einer Person besetzt ist, obwohl die Kultur eine
einmalige Besetzung vorsieht. In unserer Kultur ist ein Kind, wie schon erwähnt, über einen Vater und eine Mutter identifiziert. Zur Identifizierung hat das Kind nicht nur Vater und Mutter, sondern es braucht Vater und Mutter.
In der Praxis kommt es allerdings nicht selten zu Abweichungen von dieser Soll – Vorschrift. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Tod eines Elternteils und Wiederheirat, un- oder voreheliche Zeugung und Heirat eines anderen Partners, Scheidung – Trennung und Neuverbindung, usw. Alle diese Konstellationen können zur Folge haben, daß die Rolle des Vaters oder der Mutter des Kindes mindestens doppelt besetzt ist. Dieser Fall aber ist in unserer Kultur bezüglich der Identifikation eines Kindes (einer Person) nicht vorgesehen. Daß darin eine besondere Problematik liegt, spiegelt sich schon in unserer Mythologie, in unseren Märchen wider. Die dort häufiger auftauchenden „Stiefmütter“ sind grundsätzlich böse. Es wird immer ein Existenzkonflikt zwischen Kindern und Stiefmutter beschrieben. Woraus resultiert dieses Kulturphänomen? Die Soll – Identifizierung einer Person läßt sich in unserer Kultur haben wir wie folgt dargestellt:

Abbildung 3

(Kind) K resultiert aus der (dialektischen) Verbindung von M (Mutter) und V (Vater)

Im Falle einer Doppelung haben wir z.B. die folgende Konstellation

Abbildung 5

Das aus der Verbindung von leiblichem Vater (V1) und Mutter (M) entstandene Kind (K) habe einen Stiefvater (V2) erhalten.

K verbindet in sich ursprünglich M und V1

Durch Hinzuziehen von V2 ergibt sich die Verbindung

Man könnte davon ausgehen, daß etwa V2 komplett an die Stelle von V1 tritt (wenn z.B. das Kind noch sehr klein ist und den Vater V1 nicht gekannt hat). Dies ist jedoch nicht der Fall, da V1 für das Kind nicht einfach physisch existente Person sondern Programm ist. Dieses Programm existiert auch dann weiter, wenn die Person selbst für das Kind nicht mehr physisch existent ist. Das bedeutet V1 ist in jedem Fall parallel zu V2 vorhanden. Wir müssen also unser Schema wie folgt erweitern

Das Kind hat zwei komplette Persönlichkeitsprogramme. Dies widerspricht der kulturellen und gesellschaftlichen Norm, ein einfacher (sprich: eindeutiger) Mensch, eine einheitliche Person zu sein. Diese Norm kommt z.B. in der alltäglichen Frage: Wer ist denn dein richtiger Vater? zum Ausdruck. Das Kind sieht sich damit mit einer für es existentiellen Frage konfrontiert: Es soll entscheiden, wer der richtige Vater, also der Vater ist. Es soll damit
einen Vater nicht existieren lassen (verleugnen oder sogar abtöten). Da V1 und V2 aber nicht nur physisch existente Personen, sondern im Kind selbst Programm sind, muss das Kind zwischen sich selbst und sich selbst, also zwischen seinen eigenen Existenzen entscheiden.
Genau damit entsteht aus der Struktur ein Antagonismus der Inhalte bzw. ein Antagonismus der Persönlichkeiten in der Person. Antagonismus bedeutet in diesem Zusammenhang ein Entweder – Oder sowohl von Programmen als auch von Personen, nämlich V1 und V2.
Voraussetzung für die Existenz von V1 ist die Nichtexistenz von V2 und umgekehrt. Die Widerspiegelung genau dieses Phänomens findet sich im Märchen bei der „bösen Stiefmutter“. Im Übrigen zeigt sich unsere Kultur bis heute unfähig, ein Märchen mit einer „guten Stiefmutter“ zu erfinden.
So wie wir es beschrieben haben, ist der Antagonismus im System der Persönlichkeit ein aus der kulturellen Norm resultierendes Struktur – Dilemma. Wie äußert sich der Antagonismus in der Person? Er führt zu einer Nicht-Einheitlichkeit, zu einer Nicht-Festlegung der Person in einer eindeutigen Form, häufig auch zu einem destruktiven Kampf der Person mit sich und gegen sich selbst. Dieser destruktive Kampf wird auch auf die Beziehungen zu anderen Personen übertragen und beinhaltet Partnerschaftsformen, wie schon weiter oben beschrieben. Aufgrund unserer Beobachtungen kön-
nen wir davon ausgehen, daß sich der Antagonismus in eben den Programm-Inhalten und Strukturen manifestiert, die V1 und V2 voneinander unterscheiden. Dabei ist festzustellen, dass je weniger die Inhalte voneinander zu unterscheiden sind, um so mehr die ganze Persönlichkeit von der existentiellen Negation betroffen ist. Eine dementsprechende Persönlichkeits -“Störung“ ist z.B. die Schizophrenie.
Die Praxis zeigt weiterhin, daß der Antagonismus sich in seiner destruktiven Wirkung steigert, wenn er abstrakt geworden ist, wenn er also als Programm an die nächste Generation weitergegeben worden ist. Diese Entwicklung läßt sich folgendermaßen darstellen.

Abbildung 6

Das Kind (K2) hat „ganz normal“ einen Vater (K) und eine Mutter (P), aus deren Programmen es ebenfalls „ganz normal“ die eigene Persönlichkeit synthetisch entwickeln kann. In diesem Fall ist jedoch K keine einheitliche Person sondern trägt den Antagonismus als Programm in sich.

K2 bekommt die Auflösung seiner selbst als „Überlebensprinzip“ überliefert. Dementsprechend finden wir auch die Psychose als die typische Erscheinungsform dieses Problems immer in der zweiten Folgegeneration einer Doppelung. Ich will hier nicht weiter auf die Schizophrenie eingehen, ich möchte nur darauf hinweisen, daß eine Doppelung für die Entstehung der Schizophrenie eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung ist. Kommen wir aber auf unsere Betrachtung der Dialektik von Struktur und Inhalt zurück. Nehmen wir zunächst die „normale“ Struktur und besetzen sie mit einem Inhalt.

Abbildung 7

In dem Beispiel stelle der Vater mit seinem beruflichen Programm einen Handarbeiter, die Mutter einen Kopfarbeiter dar. Aufgrund der einfachen „synthetischen“ Struktur entsteht daraus ein Ingenieur, in dem beide Programme eine Einheit herstellen. Betrachten wir die gleichen Inhalte in einer Doppelungsstruktur.

Abbildung 8

In diesem Fall steht das Kind vor dem existentiellen Entscheidungskonflikt, der eine Synthese nicht erlaubt, sondern der den Kopfarbeiter auf kosten des Handarbeiters, und den Handarbeiter auf kosten des Kopfarbeiters realisieren will. Die Folge davon ist ein „Hin- und Her springen“ zwischen den Programmen ohne daß die Person eine einheitliche und Her springen“ zwischen den Programmen ohne daß die Person eine einheitliche Form
findet.
Dieses stark vereinfachte Beispiel zeigt eine für die psychologische Arbeit besonders wichtige Wechselwirkung von Struktur und Inhalt eines Persönlichkeitssystems. Für die Praxis bleibt als wichtig festzuhalten, daß destruktive Elemente in einer Persönlichkeit nahezu ausschließlich aus Strukturproblemen im Ursprungssystem und nicht aus dem Kontrast der Inhalte entstehen.

Entwicklung bzw. Entwickelbarkeit der Person

Innerhalb der dialektischen Sichtweise wird Persönlichkeit als das sich ständig in Entwicklung bleibende Ergebnis der Vereinbarung von Gegensätzen gesehen. Entwicklung setzt Vorhandensein von Polen voraus, die die Gegensätze bilden, also z.B. die von uns beschriebenen Programme von Vater und Mutter oder den Gegensatz von Person und Umwelt. In unserer grafischen Darstellung nennen wir diese Pole A und B und das Ergebnis X..
Dieses X (und damit die neue Qualität) hängt wesentlich von der Quantität (Menge) der in den Prozeß eingehenden Elemente ab. (Zeichnung)

Abbildung 9

Die Sichtweise stark vereinfachend verbinden sich in diesem Modell die Elemente A1 und B1, sowie A2 und B2. A3 findet in X keinen Eingang, da ein Gegenpart in B fehlt. In unserer Betrachtung der Person – Umwelt – Dialektik würde das bedeuten, daß nicht alle beliebigen Elemente der Umwelt in der Persönlichkeit verarbeitet werden können, sondern nur diejenigen, die das vorhandene Programm verarbeiten kann. Oder umgekehrt, daß das Programm zwar Verarbeitungspotentiale hat, die Umwelt aber kein Angebot macht. Das gleiche Prinzip gilt für die Vater – Mutter – Dialektik. Wenn dem Programm eines der beiden in einer eingeschränkteren Quantität zur Verfügung steht, als das des anderen, ist die Möglichkeit der Entwicklung einer eigenständigen Qualität der
Persönlichkeit durch eben diesen Faktor beschränkt. Ich nenne als Beispiel eine Person, die unehelich geboren wurde und ihren Vater nicht kennt. Wenn die Mutter nichts über den Vater erzählt hat, steht der Person nur sehr globale, undifferenzierte, von der Mutter oder der Umwelt nonverbal zum Ausdruck gebrachte Informationen für den Prozeß der Entwicklung einer neuen Qualität zur Verfügung. Sie wird als Folge davon relativ mechanisch
das Muttersystem reproduzieren und damit eine starke Abhängigkeit entwickeln. Will oder soll sie eine erweiterte Eigenständigkeit entwickeln, also eine neue Qualität erreichen, ist eine erweiterte Kenntnis des väterlichen Progarmms erforderlich, d.h. die Person, ihre gesellschaftliche Umwelt (z.B. der beratende Psychologe) oder am besten alle zusammen beginnen, das real existierende väterliche System zu suchen und zu erforschen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Verarbeitung von Umwelt die Verfügbarkeit eines Programmes zugrunde liegt, können wir zusammenfassend sagen: Die Entwicklung einer neuen Qualität in der Person benötigt die Gewinnung und Verarbeitung von zusätzlichen Kenntnissen über ihren Ursprung. Qualitative Entwicklungen ohne diesen Informationszuwachs sind nicht möglich. (Eine Prognose muß in diesem Fall immer negativ ausfallen.).