Das System der schizophrenen Persönlichkeit

defghij


Dieser Aufsatz soll Personen, die mit psychotischen, insbesondere mit schizophrenen Menschen arbeiten und leben, neue Gesichtspunkte zum besseren Verstehen schizophrener Persönlichkeiten und ihres Verhaltens geben.
Er soll aufzeigen, welche Möglichkeiten der Entwicklung eine schizophrene Persönlichkeit hat und welche Chancen die Umwelt und da-mit auch der Experte ( Betreuer, Therapeut) hat, Entwicklungen zu initiieren und zu beeinflussen.
Ich verstehe Schizophrenie nicht in erster Linie als Krankheit oder Störung, sondern als
eine Form der Organisierung und der Strukturierung persönlicher Entwicklungsprogramme. Diese Form ist verstehbar und nachvollziehbar. Wenn es gelingt, sie zu entschlüsseln, kann man die Entwicklungspotentiale der Person im Sinne einer „normalen“ Entwicklung nutzen.
Um uns der Fragestellung anzunähern, ist es zunächst notwendig, einige grundlegende Überlegungen über Begriffe anzustellen wie „Person“, „Persönlichkeit“, persönliche „Ent-wicklungsfähigkeit“, „Identität“, „Individualität“.

Was ist „Persönlichkeit“?

Die Bestimmung dieses Begriffs hängt eng zusammen mit der Frage: „Was ist der Mensch?“. Die wissenschaftliche Psychologie und die Medizin gehen in den letzten Jahrzehnten der Beantwortung dieser Fragen zunehmend aus dem Weg und überlassen sie der Philosophie. Beide Disziplinen ersetzen die Beschreibung der Ganzheit der Person durch die Untersuchung und Behandlung von Details bzw. Teilaspekten. Diese Details werden immer kleiner, die Herstellung eines ganzheitlichen Bezuges rückt immer weiter weg. Ich werde aufzeigen, daß man sich damit gleichzeitig einem Verständnis und der Möglichkeit der Beeinflussung von Schizophrenie immer weiter entfernt. Im folgenden werde ich einige wesentliche Aspekte und Begriffsbestimmungen meiner Theorie der Persönlichkeit darstellen.

Erste Spezifizierung der Dialektik der Person:

Persönlichkeit ist Identität, Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit des Einzelnen. In unserer Kultur unterscheidet sich jeder von jedem. Jeder einzelne Mensch ist unverwechselbar in seinem Aussehen, Verhalten, Denken, Fühlen. Jeder Einzelne nennt sich anders bzw. wird anders genannt durch Name, Vorname, Geburtsdatum und Geburtsort, und wenn das zur Unverwechselbarkeit noch nicht ausreicht durch Vatersnamen und Muttersna-
men.
Persönlichkeit ist Gleichheit, Anpassung, Integration in das gesellschaftliche Ganze. Die Voraussetzung für Unterscheidbarkeit ist Vergleichbarkeit. Die Person kann nur dann Individuum sein, eine persönliche Identität
haben, wenn sie Teil einer Gruppe, einer Gesellschaft ist. Sie muß einen Namen erkennen, eine Sprache sprechen, die die anderen verstehen, sie muß mit anderen Menschen zusammen sein, damit sie allein sein kann.
Zusammengefaßt: Persönlichkeit ist die Dialektik aus Individualität und Gesellschaftlichkeit, aus persönlicher Identität und Allgemeinheit.

Zweite Spezifizierung der Dialektik der Person

Persönlichkeit ist die Verinnerlichung von allgemeinen Strukturen Jeder einzelne Mensch in unserer heutigen
Gesellschaft (einer bürgerlichen Industriegesellschaft Ende des 20. Jahrhunderts) ist durch die Einordnung in eine Struktur festgelegt: er hat
einen Vater und eine Mutter, die jeweils wieder einen Vater und eine Mutter
haben. Vater und Mutter liegen durch Zeugung bzw. durch Geburt fest. Weder kann man sich selbst Vater und Mutter aussuchen, noch hat die Gesellschaft die Möglichkeit, Vater und Mutter auszutauschen. Sie können auch dann nicht ersetzt werden, wenn sie unbekannt sind. Sie existieren als Struktur unabhängig von Inhalten (z.B. Beziehungsinhalten).
Persönlichkeit ist konkreter Inhalt Vater und Mutter können für die Person nur dann wirksam werden, wenn sie konkretisierbar sind. Die Existenz von Vater und Mutter „an sich“ bleibt für die Person unwirksam.
Zusammengefaßt: Persönlichkeit ist die Dialektik von allgemeiner Struktur und konkretem Inhalt.

Dritte Spezifizierung der Dialektik der Person

Persönlichkeit ist gespeicherte Geschichte. Kein Mensch fängt bei Null an. Jeder wird in eine bestehende Erfahrungswelt hineingeboren, die Grundlage seiner weiteren Entwicklung ist: In unserer westeuropäischen Kultur ist die Familie der Träger dieser Erfahrungswelt. Sie ist das Resultat des Speicherns und Weitergebens von Erfahrungen aller vorhergehenden Generationen. Gespeichert sind die „Überlebenserfahrungen“ mit der Umwelt
aus dem Zusammenleben mit anderen Menschen ebenso wie aus dem Umgang mit der Natur. Ich nenne diese von der Familie weitergegebenen Erfahrungen im weiteren „Lebensprogramme“ oder kurz „Programme“.
Persönlichkeit ist Lebenserfahrung. Persönlichkeit entsteht im Kontakt mit Umwelt, d.h. mit Natur und Gesellschaft. Sie entwickelt sich aufgrund der äußeren Lebensbedingungen, die der Mensch vorfindet. Sie wird von anderen Menschen, denen die Person begegnet, ebenso beeinflußt wie von Ereignissen, auf die sie keinen Einfluß hat.
Zusammengefaßt: Persönlichkeit ist die Dialektik von historischem „Programm“ und persönlich Erlebtem.

Die Dialektik der „Programme“ Entwicklung der Individualität


Die bisher gemachten Feststellungen sind allerdings noch nicht ausreichend, um die Systematik der Entstehung von Unterschieden zwischen einzelnen Persönlichkeiten zu erklären. Wenn man sie konsequent durchdenkt,
müssten alle Unterschiede zwischen Personen aus unterschiedlichen Umwelterfahrungen resultieren.
Um die Unzulänglichkeit dieser Sichtweise festzustellen, müssen wir die historischen „Programme“ genauer betrachten: Es ist falsch, wenn wir von einem historischen „Familienprogramm“ sprechen, das das Kind von den Eltern vermittelt bekommt. Eltern sind Vater und Mutter, Mann und Frau, zwei unterschiedliche und zumindest was ihre „Programme“ betrifft voneinander unabhängige Persönlichkeiten. Beide entstammen unterschiedlichen Familien mit unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichen Umwelten. Damit ist das Kind in den Personen von Mutter und Vater mit zwei im Grunde unterschiedlichen, bezogen auf konkrete Lebenssituationen sogar gegensätzlichen Programmen konfrontiert.

Da beide Programme Erfahrung, Gelebtes widerspiegeln, ist eine Bewertung bzw. eine Diskriminierung eines Programmes nicht möglich. Eine Diskriminierung wäre gleichbedeutend mit der Diskriminierung eines Elternteils. Dies jedoch ist in unserer Kultur nicht vorgesehen, bzw. nicht erlaubt. Im Gegenteil schreibt unsere Kultur vor, daß das Kind Vater und Mutter achtet und ehrt (4. Gebot), d.h. die Programme beider zur Grundlage seines Lebens macht. Das Kind, bzw. die Person sieht sich also ständig in der Situation, zwei richtige, gleichwertige, sich gegenseitig ausschließende Programme anwenden zu müssen. Damit ist die Person gezwungen, etwas zu erfinden, das es noch nicht gab, ein „Programm höherer Ordnung“, das beide Ursprungsprogramme enthält. Dieses „Programm höherer Ordnung“ beinhaltet das väterliche und das mütterliche Programm, unterscheidet sich aber von beiden grundlegend. Das neue Programm stellt gegenüber den Ausgangsprogrammen einen „qualitativen Sprung“ dar, d.h. es stellt (wegen der gegen-
seitigen Ausschließung) nicht einfach eine mechanische Addition der Ursprungsprogramme, sondern eine gänzlich veränderte Ordnung. Man wird zwar in der Persönlichkeit des Kindes die Programme der Eltern wiederfinden, aus der Kenntnis der elterlichen Programme aber weder die Persönlichkeit des Kindes erschöpfend beschreiben noch vorhersagen können. Die Einzigartigkeit der Person resultiert somit aus dem qualitativen Sprung zur Auflösung eines dialektischen Gegensatzes innerhalb des Ursprungs-Familiensystems. Nun kann man nicht davon ausgehen, daß die Person „einmal einen Sprung tut“ und dann
fertig ist. Wie schon vorher angedeutet wird die Gegensätzlichkeit erst in Lebenssituationen relevant, für die es unterschiedliche programmatische Vorgaben gibt. Die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Auflösung der
Gegensätze in einer neuen Qualität ergibt sich also nur in der konkreten Auseinandersetzung mit der Umwelt. Daher ist Persönlichkeit nie „fertig“, sondern sie entwickelt sich ständig aus der Auseinandersetzung der Person mit der Umwelt.
Um es noch einmal deutlich zu sagen: Persönlichkeit ist nicht in erster Linie die Anpassung vorgegebener Programme an die Umwelt (dies wäre die Sicht der Psychoanalyse) sondern die vollständige Neustrukturierung gegensätzlicher vorgegebener Erfahrungswelten. Die Umwelt liefert die Inhalte, die mit dieser Programmatik zu erfassen und zu verarbeiten sind, ohne die aber auch keine Entwicklung des Programms erfolgen kann. Andererseits setzt die Gesellschaft ihrerseits Strukturen vor, (in Form von Normen, Moral, Gesetzen) außerhalb derer die Entwicklung der Persönlichkeit sanktioniert bzw. unmöglich gemacht wird. Diese Normierung oder Strukturvorgabe ist je nach Kultur, Gesellschaft und Epoche unterschiedlich. Mit diesem Gesichtspunkt werden wir uns später ausführlich beschäftigen. Im Zusammenhang mit unserem Thema ist im Moment eine gesellschaftliche Strukturvorgabe besonders wichtig: Ein Kind (eine Person) hat einen und nur einen Vater und eine und nur eine Mutter. Das Kind hat nicht etwa zwei Väter und/oder zwei Mütter, sondern nur eine Mutter, nur einen Vater (bei manchen Kindern ist der Vater zwar unbekannt, trotzdem ist er eben der unbekannte Vater). Die Möglichkeit der Zuordnung zu einem Vater und einer Mutter ist Grundlage der Identifizierbarkeit der Person in der Gesellschaft – in unserer Gesellschaft, in einer christlich abendländischen Kultur, in einer bürgerlich- demokratischen Industriegesellschaft. Sie gilt weder für alle Kulturen noch für alle Epochen unserer Kultur. Meine Persönlichkeitstheorie, die auf der dialektischen Wechselwirkung zweier Ursprungssysteme aufbaut, beinhaltet also genau diese kulturelle Norm.

Doppelte Persönlichkeit – „Doppel- systeme“

Die Unmöglichkeit eines Menschen, der Strukturvorgabe: „du hast genau einen Vater und genau eine Mutter“ gerecht zu werden, und die Unfähigkeit der gesellschaftlichen Umwelt, sich auf diese Unerfüllbarkeit einzu-
stellen, ist Ausgangspunkt einer Reihe von persönlichen (psychischen) Komplikationen und Störungen, die sich generationenübergreifend entwickeln. Ich möchte dieses Problem an dem Modell eines Systems erörtern, in
dem ein Kind zwei Väter hat.

In dem Modell hat das Kind (K) zunächst die Eltern: Mutter (M) und Vater (V1). Das Kind ist aus der Dialektik der Systeme M und V1 identifiziert (M/V1). Wir gehen weiterhin davon aus, daß V1 früh stirbt (oder auf andere
Art als Elternteil ausscheidet) und durch einen anderen Mann (V2) ersetzt wird. Dieser Mann nimmt nunmehr die Vaterposition (Stiefvater) ein. Konsequenterweise entsteht eine neue dialektische Wechselwirkung der
Systeme M und V2, wiederum in sich ausreichend zur Identifikation einer Person (M/V2).
Über welches System ist jetzt das Kind identifiziert? Eine offensichtlich in unserer Kultur und Gesellschaft nicht einfach zu beantwortende Frage: Bleibt V1 der Vater, kann V2 nicht der Vater sein. Wird V2 der Vater Kann V1 nicht mehr der Vater sein – existiert die Person M/V1, dann kann M/V2 nicht existieren und umgekehrt. Eine Person, die zwei Väter hat, die sowohl M/V1 ist als auch M/V2 oder M/V1/V2, ist nicht identifizierbar, weil nicht eindeutig. Daß dieses Problem in unserer Kultur nicht neu ist, sondern die Menschen schon seit Jahrhunderten beschäftigt, zeigen unsere Mythologien, unsere Märchen. Dort ist es in der Regel die „böse Stiefmutter“, die die Existenz der „guten Mutter“ und damit des „guten Kindes“ in Frage stellt. In Märchen ist dieser Konflikt nur durch Verbrennen der Stiefmutter oder ähnliches zu lösen. Die Komplikation für das Kind aus dieser Konstellation entsteht aber nicht nur „von außen“, durch die Umwelt. Vielmehr ist die Norm der Eindeutigkeit, bzw. der Einfachheit der Identifikation über Vater und Mutter in den Ursprungssystemen bereits enthalten, d.h. ein doppeltes System kann auch „von innen“ nicht akzeptiert werden. Die existentielle Auseinandersetzung V1 – V2 ist also nicht nur ein Problem der gesellschaftlichen Akzeptanz sondern auch das Problem der Selbstakzeptanz. Die Programme V1 und V2, bzw. M/V1 und M/V2 kämpfen in der Person um ihre Existenz, d.h. Grundlage der Existenz der einen Verbindung ist die Nicht – Existenz der anderen.

Der „Auslöschungskonflikt“ im „doppelten System“

Für sich betrachtet ist die jeweilige dialektische Verbindung M/V1 bzw. M/V2 nicht viel anders als die schon in V und M enthaltene Dialektik der jeweiligen Großelternsysteme. Man könnte also meinen, daß in einem zweiten Schritt zwischen M/V1 und M/V2 ein ebensolcher dialektischer Prozeß stattfinden könnte wie er zwischen V und M ständig stattfindet. Dies ist jedoch nicht der Fall: Während gesellschaftliche Norm das „Sowohl – als auch“ der Systeme V und M fordert, sieht sie in Bezug auf V1 und V2 die Entscheidung für das „richtige“ System, den „richtigen“ Vater vor. Anstelle des „Sowohl – als auch“ tritt das „Entweder – oder“.

Notwendigkeit und Blockierung der Entwicklung „neuer Qualität“ – System Schizophrenie

Für die Entwicklung der Person und der Per-sönlichkeit führen die beiden Arten der Gegensätze zu entscheidend unterschiedlichen Konsequenzen. Während aus der einfachen Verbindung von V/M immer eine neue Qualität mit einer höheren Komplexität entsteht, kann beim Ausschlußgegensatz M/V1 – M/V2 die Entwicklung der Person zu einer eigenständigen Persönlichkeit im Grund blockiert sein, bzw. erstickt werden. Seit dem Jahr 1987, als mir das Problem des „Doppelsystems“ zum erstenmal bei der Analyse eines Familiensystems auffiel, stoße ich
bei der Analyse von Ursprungssystemen psychisch Kranker regelmäßig auf dieses Phänomen – und zwar nicht nur bei schizophrenen Persönlichkeiten.
Eine besondere Bedeutung für die Genese psychischer Störungen und Krankheiten kommt offenbar Doppelsystemen zu, die in der Großelterngeneration entstehen. So habe ich bis heute kein System einer als schizophren diagnostizierten Person analysiert, bei dem nicht zumindest in einem Großelternsystem eine Verdoppelung vorkommt. Ich gehe deshalb heute davon aus, daß ein solches Doppelsystem eine notwendige (allerdings keinesfalls hinreichende) Voraussetzung für die Entstehung von Schizophrenie ist. Allerdings können die Doppelungen von sehr vielfältiger Art sein. Es muß nicht immer eine
„offizielle“ zweite Ehe geben. Es muss vielmehr eine Situation entstehen, in der innerhalb oder außerhalb der Familie eine Person in einen dialektischen Bezug zu einem der Ehepartner zur Identifikation des Kindes ge-
setzt wird und damit die identifizierende Rolle des anderen Partners in Frage gestellt wird. (Übrigens kann diese Person nicht ein Elternteil des „einfachen“ Partners sein!)
Die Behauptung, daß in allen Ursprungssystemen schizophrener Personen in der 2. Vorgeneration, der Großelterngeneration, eine Verdoppelung vorkommt, läßt sich überprüfen. Wenn das auch nicht immer ganz leicht ist, weil offensichtlich mit dem Entstehen von Schizophrenie auch eine Auslöschung von Bewußtsein über die persönliche familiäre Vorgeschichte einhergeht. Aber der reine statistische Nachweis der Richtigkeit der Hypothese nutzt dem Betreuenden oder Behandelnden gar nichts, wenn er diese Erkenntnis nicht in Beziehung zu der oben beschriebenen dialektisch – historischen
Systemtheorie der Entwicklung der Persönlichkeit bringt.

Welchen Nutzen hat die Erkenntnis, daß ein Schizophrener eine Doppelung in der Großelterngeneration hat? – Verstehen des Denkens und Verhaltens des Schizophrenen

Sinnzusammenhänge in den Gedanken, Äußerungen und Verhaltensweisen Schizophrener herzustellen, übersteigt i.d.R. die Möglichkeiten selbst des erfahrenen Experten. Vieles erscheint unsystematisch sinn- und zusammenhanglos. Unsere Theorie gibt uns allerdings die Möglichkeit die (von der Psychiatrie, insbesondere von Psychiatern, in der Regel sehr genau und differenziert wahrgenommenen und registrierten) Äußerungen neu zu
interpretieren.
Wenden wir unsere theoretischen Überlegungen zu Doppelsystemen auf schizophrene Personen an, dann müßten sich Phänomene der Doppelung in den Äußerungen der Person wiederfinden:

1. In der Person müßten zwei „Lebensprogramme“ nebeneinander laufen. Es muß Situationen geben, in denen die Personen nicht „einfach“ sondern „doppelt“ handelt. Die doppelten Handlungen können bei einer entsprechenden Wahrnehmung prinzipiell getrennt erkannt werden. Sie müssen in einen inhaltlichen Zusammenhang mit der Doppelung in der Großelterngeneration zu setzen sein.

2. Wenn einer der Inhalte der Doppelung einzeln auftritt, kann er nicht stabil sein. Er wird „ausgelöscht“.

3. Die schizophrene Person muß subjektiv „einfach“ handeln. Sie muß die Norm verinnerlicht haben „normal einfach“ zu sein. Wir werden diese Hypothesen an Fallbeispielen zu untersuchen.

Warum Doppelung in der 2. Vorgeneration (Großeltern) ?

Offensichtlich ist zur Entstehung von Schizophrenie eine „Abstraktion“ in der Verdoppelung der Programme notwendig. Ich möchte diesen Prozeß an einem Schema darstellen.

Das Kind der 1. Generation (also die 1. Folgegeneration) können wir beschreiben als Doppelpersönlichkeit bestehend aus M/V1 und M/V2.

Das Kind der 1. Folgegeneration, die 2. Folgegeneration, ist das dialektische Produkt von Mutter und Vater, hier: K und P.

Damit ist es im Sinne der gesellschaftlichen Vorgabe „normal“, nämlich über jeweils einen Vater und eine Mutter identifiziert. Löst man allerdings das Element K weiter auf, ergibt sich ein neues Bild

Die Person muß also in ihrer Programmatik wie eine Doppelung und damit wie zwei Personen behandelt werden. Der Unterschied zwischen K und E besteht darin, daß für K die Doppelung physische Realität ist, hingegen ist sie für E nur psychische Realität, während die physische Realität für E einfach ist. Auf einen kurzen Nenner gebracht ist für K 2 = 2 aber für E 1 = 2 bzw. 2 = 1 , und erst das ist Schizophrenie. Schizophrenie ist die Existenz einer Doppelstruktur bei gleichzeitigem Verlust eines externen Standpunktes gegenüber der Doppelung, d.h. bei Verlust der Wahrnehmbarkeit des Doppelten. Wenn man diese theoretische Analyse zugrunde legt, wird deutlich, warum es den bisher in der Wissenschaft verwendeten „Beziehungstheorien“, angefangen von der Psychoanalyse bis hin zur Systemtheorie des systemischen Familientherapie, nicht gelungen ist, über mehr oder weniger differenzierte Phänomenbeschreibungen der Schizophrenie hinauszukommen.

Welche Konsequenzen hat die neue Erkenntnis für die Arbeit und den Umgang mit schizophrenen Personen?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir uns noch einmal das Kernproblem bei der Entstehung der Schizophrenie vergegenwärtigen: Aufgrund der gesellschaftlichen Norm „Persönlichkeit muß einfach sein“ kann die Person das in ihr enthaltene Doppelte nicht trennen, will einfach sein und kann gleichzeitig Einfachsein nicht leben. Wir sind, wie alle Personen, die nicht zum familiären Ursprungssystem des Schizophrenen gehören,
Bestandteil der normativen Umwelt. Wir sind Vertreter der Gesellschaft, der Norm, die von der Person das „Einfachsein“ verlangt und damit eine wesentliche Komponente zur Entstehung der Schizophrenie beiträgt. Eine Behandlung oder Betreuung der schizophrenen Person, die die Persönlichkeit einbezieht und nicht nur lahmlegt, erfordert vom Betreuenden eine Aufgabe der Norm der „Einfachheit“ zugunsten der Möglichkeit
„doppelt“ bzw. “mehrfach“ zu sein. Dazu ist allerdings ein verbales Bekenntnis nicht ausreichend, vielmehr ist es notwendig dies im Denken, in den Gefühlsbeziehungen, im Handeln umzusetzen.
Ein Mensch, der „Doppeltes“ nicht aus seinem eigenen Ursprungssystem in sich hat, muss das erst lernen und die entsprechenden Techniken entwickeln. Hat er es „eingebaut“, muss er Selbstbewußtsein über sein eigenes Doppeltes entwickeln, damit er es beim Schizophrenen akzeptieren und fördern kann. Ich habe nicht wenige Therapeuten kennengelernt, die hervorragend mit Psychotikern arbeiten, ohne zu wissen, was eigentlich sie tun. Sie alle haben selbst ein doppeltes System. Gleichzeitig kenne ich Pfleger in psychiatrischen Kliniken, deren Großeltern manchmal
dort schon Pfleger waren und die über Generationen adäquate Techniken im Umgang mit schizophrenen Patienten entwickelt haben, ohne daß bisher jemand in der Lage war, die darin liegende Erfahrung wissenschaftlich zu analysieren.
Ob intuitiv oder gelernt – es kommt darauf an, Doppeltes zu entschlüsseln, zu verstehen, zu akzeptieren und in Beziehungen und Handlungen umzusetzen. Die Arbeit mit schizophrenen Personen beinhaltet drei wesentliche Phasen:

1. die Nicht Identifikation (Nicht Festlegung auf Eigenidentität)

2. die Analyse des Ursprungssystems

3. die Trennung und Realisierung des Doppelten.

Nichtidentifikation

Der Schizophrene kann nicht „einfach” sein. Jede von außen kommende einfache Identifikation kann Symptomatik im Sinne eines Umstiegs auf eine andere Identität oder im Sinne eines Ausstiegs aus der Identität in Form einer Negierung oder Zerstörung provozieren. Man wird also jede „Normalität“, die die Person äußert oder die man glaubt wahrzunehmen, in Frage stellen. Ein weiteres Mittel ist die Fremd- Identifizierung im klinischen Zusammenhang. Das Etikett „endogene Psychose“ oder „Schizophrenie“ beinhaltet in sich den Ausschluß von „Normalität“. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es häufig gerade im professionellen Umfeld der Psychiatrie (Psychologen, Pädagogen, Therapeuten) besonders schwerfällt, Nicht Identität zu akzeptieren. Die Psychiatrie hat, bis auf einige Zwischenspiele in den letzten zwei Jahrzehnten, damit keine größeren Probleme.

Schritte in der Analyse schizophrener Persönlichkeitssysteme

Die Analyse des familiären Ursprungssystems des Schizophrenen hat zum Ziel, Doppelungen in den beiden Vorgenerationen festzustellen und die beteiligten Personen soweit zu identifizieren, daß wir ihre „Programme“
voneinander unterscheiden und getrennt voneinander in Beziehung zum heutigen Leben des Betroffenen setzen können. In der Regel können wir davon ausgehen, daß die Doppelung beim Klienten nicht spontan benannt werden kann, bzw. daß sie ihm sogar ganz unbekannt ist.

1. Anamnese und Symptombeschreibung mit der Symptombeschreibung hat, wie schon erwähnt, die klassische Psychiatrie große Erfahrung. Viele psychiatrische Berichte sind so gut und enthalten soviel Material, daß man sich eine erneute Anamnese und Symptombeschreibung sparen kann. Es ist in dieser Phase besonders wichtig, das Fühlen, Denken und Verhalten des Klienten so differenziert wie möglich zu erfassen. Dabei sollte darauf verzichtet werden, übergreifende Sinnzusammenhänge zu suchen. Es muß vielmehr versucht werden, die Informationen „nebeneinander“ stehenzulassen und sie nicht miteinander zu verbinden, weil sonst die Gefahr besteht, daß man wichtige Details übersieht, die man nicht direkt mit dem Ganzen verbinden kann.

2. Beschreibung von „Aus- und Umstiegen“ in der Sozialisation gibt es „Identifikationsstufen“, die z.B. mit dem Erreichen eines bestimmten Lebensalters verbunden sind und die allgemein als Stufen der Verselbständigung und Identifikation einer Persönlichkeit angesehen werden, z. B. sind das Beginn des Kindergartens, Einschulung, Schulwechsel, Schulabschluß, Beginn und Abschluß der Berufsausbildung, Aufnahme einer neuen Arbeit, Berufsausstieg usw. – oder 1. feste Partnerbeziehung, Schwangerschaft, Geburt eines Kindes, – oder Führerscheinprüfung, Autokauf, Wohnungseinzug, Hausbau, Hauseinzug, usw. Auf jeder Stufe erfolgt eine zunehmende Festlegung der Person in Richtung „Eindeutigkeit“. Das Erreichen jeder neuen Stufe kann damit Auslöser für einen Auslöschungskonflikt im Doppelsystem sein. Daher ist es notwendig festzustellen, in welchem Alter und bei welchem Thema/Ereignis ein Aus- oder Umstieg erfolgte und eine Hypothese dazu zu entwickeln, welche Identifikation damit verhindert bzw. relativiert werden sollte. Diese Hypothese wird bei der weiteren Erforschung des Familiensystems ständig einbezogen und überarbeitet.

3. Erforschung der Ursprungsfamilie die Erforschung der Ursprungsfamilie dient der Beschreibung der Ursprungsprogramme und ihrer Widerspiegelung in den Folgegenerationen. Im Ergebnis müssen gemäß unserer
Theorie mindesten 5 Ursprungsprogramme beschrieben sein: die vier Großeltern plus einer Doppelung.

Allgemeine Informationsgewinnung

Es gibt viele Wege ein Familiensystem zu erforschen. Deshalb stelle ich nur ein mögliches Ablaufschema vor. Es werden in der Reihenfolge beschrieben: die Person selbst, Geschwister, Vater, Mutter, Muttersvater, Muttersmutter, Geschwister der Mutter, Ehen und Kinder der Geschwister und Muttergeschwister, Geschwister der Muttergroßeltern mit Ehen und Kindern, Eltern der Muttergroßeltern, der gleiche Ablauf wie für Mutters auch für Vaters Seite. Von allen Personen: Name, Vorname, Geburtsdaten, Sterbedaten, Heiratsdaten, Ausbildung, Beruf, Wohnort, Scheidungen, 2. Ehen, uneheliche Kinder. Die so gewonnenen und aufgezeichneten Informationen sollten permanent unter folgenden Gesichtspunkten verarbeitet werden: Welche Programme setzen sich über die Generationen fort? -Wie beeinflussen sich die Programme bei den Personen in der Folgegeneration gegenseitig? -Wo haben bestimmte Identifikationsmerkmale ihren Ursprung in den Vorgenerationen? Besonders für die Entschlüsselung der Schizophrenie ist wichtig: -Gibt es bei den Geschwistern ebenfalls Identifikationsbrüche? -Welches der Systeme Vater oder Mutter beinhaltet eher Phänomene der Nicht – Festlegung (z.B. Scheidung, Partnerwechsel, häufiger Berufswechsel, häufiger Wohnungswechsel), besondere Gegensätze im sozialen Status einzelner Geschwister? -Treten bei Cousins/Cousinen vergleichbare Phänomene auf wie beim Klienten? Wenn das Doppelsystem nicht von vornherein bekannt ist, wird man auf einer Elternseite
diese Phänomene verstärkt antreffen. Diese Seite muß vorrangig erforscht werden bis die Doppelung entschlüsselt ist.

Beschreibung und Erforschung der Doppelung

Die Erforschung von Doppelungen gleicht, wenn sie nicht bereits bei den Klienten bekannt sind, oft einer „kriminalistischen“ Arbeit, die Erfahrung in der Analyse von Familiensystemen und in der Auswertung von Indizien verlangt. Für die Beschreibung der Doppelungen muss man einige Grundregeln beachten, da man bei
Fehlern leicht eine neue akute schizophrene Episode auslösen kann. Das Wichtigste ist, dass man jede Synthetisierung vermeidet. Ich will dies an einem einfachen Beispiel verdeutlichen:

In beiden Fällen sei V u.a. über „Handwerk“ identifiziert. Im „einfachen System“ geht M über die Identifikation „Bildung“ in die Persönlichkeit P ein. P ist darüber beschrieben, dass sie sowohl durch Handwerk als auch von Bildung identifiziert ist. Im doppelten System dagegen entstehen die Verbindungen Handwerk/Bildung und Handwerk/Handwerk. Obwohl die Inhalte sich vielleicht gar nicht von dem einfachen System unterscheiden, schließen sie sich aufgrund der Struktur aus, kurz – entweder Handwerk oder Bildung bzw. wenn Handwerk, dann keine Bildung, wenn Bildung, dann kein Handwerk. In der negierten Form: Die Person hat nicht das Programm Handwerk und nicht das Programm Bildung – die Person hat kein Programm. Damit wir bzw. der Klient die Programme nutzen können, müssen wir zusammen mit ihm feststellen, dass er zwei Personen ist, die
eine Person Handwerk/Bildung und die andere Person Handwerk/Handwerk – vielleicht ist die eine Person praktisch intellektuell, die andere rein praktisch.
Viele Erfahrungen, die ich gemacht habe, zeigen übrigens, daß der Schritt zu einer solchen Beschreibung Experten sehr viel schwerer fällt als Klienten. Im weiteren Vorgehen ist es notwendig, die Personen, die die Doppelung verursachen, zunehmend unabhängig von ihrer Elternrolle,
Vater oder Mutter, zu beschreiben. Wir werden sie über ihre Ursprungssysteme als voneinander unabhängige Personen mit eigenen Welten beschreiben. D.H. wir können den spärlichen, oft auf ganz wenige Begriffe reduzierten Informationen über die Programme viele neue Informationen hinzufügen und damit unter strikter Beibehaltung der Trennung die Doppelpersönlichkeit des Klienten immer differenzierter beschreibe.

Die Trennung und Realisierung des Doppelten

Die Entwicklungschance für die schizophrene Person liegt in der Realisierung des „Mehr – als – eins – Seins“. Dazu sind zwei Faktoren notwendig:
Die Entwicklung von Selbstbewußtsein in Bezug auf das eigene historische Doppelte und die Akzeptanz und Mithilfe der Umwelt bei der Umsetzung der Doppelidentität.
Als erstes muß ein Plan zur Krisenvermeidung, d.h. zur Vermeidung von Auslösemechanismen und -situationen für akutes schizophrenes Verhalten erstellt werden, damit alle Beteiligten sich sicher sein können, daß der
Klient sich oder anderen keinen Schaden zu-fügt. Deshalb dürfen im Fühlen, Denken und Verhalten des Klienten keine Ziele angesteuert werden, die nur eine Seite des Doppelten erfassen. Relativ sicher kann man in diesem
Punkt erst sein, wenn man die Doppelung erforscht hat. Jedoch sollte es aus der Analyse der Anamnese und der Symptombeschreibung (s.o.) möglich sein, im wesentlichen Festlegungen zu vermeiden, die als Auslöser wirken.
Parallel zur Erforschung der Doppelung und ihrer Neubewertung kann man beginnen, zusammen mit dem Klienten die gefundenen Inhalte in praktiziertes Zwei – sein umzusetzen, z.B. in der Wohnumgebung, der Optik,
der Arbeit, den Personenbeziehungen, den Familienbeziehungen, dem Freizeitverhalten, den Zukunftsperspektiven, usw. . Dabei muss die strikte Trennung der Doppelung jederzeit von den betreuenden Personen durchgehalten werden. Wenn der Klient z.B. einen Beruf hat, muß er auch einen anderen haben, wenn
er eine Beziehung hat, muß er auch eine andere haben, wenn er ein Aussehen hat, muß er ein zweites haben, usw.
Dieses Verhalten muß geplant und solange durchgehalten werden, bis es für den Klienten und dessen Umgebung unumkehrbar ist und bis der Klient sein eigenes Zwei – Sein selbstbewußt vertreten kann.

Häufig wird mir die Frage gestellt: Ist Schizophrenie heilbar?
Ich kann nach den vorher gemachten Ausführungen nur mit einer Gegenfrage antworten: Ist Schizo-phrenie eine Krankheit?